Von Otto F. Beer

Zeitgenossen, die noch mit Johann Strauß Fischpörkölt gegessen und, wenn es nottat, bei Kaiser Franz Joseph interveniert haben, sind selten geworden. Um eine reguläre Zeitgenossin handelt es, sich im vorliegenden Falle allerdings nicht, denn Bertha Zuckerkandl starb bereits im Jahre 1945. Aber erst jetzt erreichen ihre Aufzeichnungen die Öffentlichkeit. Die alte Dame hat sie ihrem Enkel diktiert, als für die Emigranten Europa noch weit war. Die Rückkehr hat sie nicht mehr erlebt.

Erstaunliches gibt es in ihren Erinnerungen zu lesen, nicht immer über die großen Kapitel der Kulturgeschichte, sondern eher über deren Fußnoten und Paraphernalia –

Bertha Zuckerkandl: „Österreich intim“, herausgegeben von Reinhard Federmann, Propyläen Verlag, Berlin; 228 Seiten, 24 Abb., 25 DM.

Verhältnismäßig wenig ist darin die Rede von der Rolle, in der „die Zuckerkandl“ im damaligen literarischen Leben am bekanntesten war: als Übersetzerin französischer Literatur, insbesondere dramatischer Werke wie etwa der Arbeiten von Géraldy. Als Gattin des berühmten Anatomen Emil Zuckerkandl gehörte sie zu jenen Salonlöwinnen, an denen das künstlerische Wien jener Jahre so reich war. Vor allem aber war sie Journalistin, Tochter des Zeitungsherausgebers Moriz Szeps, der das Neue Wiener Tagblatt begründet hat. „Auf meinem Diwan wird Österreich lebendig schreib: sie einmal in edler Einfalt. Und ihr nachhaltigstes Verdienst besteht offenkundig darin, daß sie das Telephon in den Kulturbetrieb – zumindest in den wienerischen – eingeführt hat. Für Hofmannsthal war dies noch „das indiskretes“ Instrument“, aber Schnitzler, wohl ein wenig fassungslos vor dem Phänomen Zuckerkandl, riet ihr, einmal ein Telephontagebuch zu veröffentlichen. Mit einiger Verspätung ist sie diesem Rat nachgekommen. Sie hat noch mit Gustav Mahler telephoniert und es prompt erfahren, wenn dieser einem falsch singenden Tenor bis aufs Klo nachrannte, dort machtlos gegen die Tür trommelte und rief: „Feig sind Sie auch?“

Sie trat mit der Generation Klimt/Loos an, kämpfte mit beachtlichem journalistischen Temperament für die Kunst der Sezesssion, ihr zur Seite Hermann Bahr, der damals voller kosmopolitischer Ideen aus Paris zurückkam. Später wurde er würdevoll und bodenverbunden, ließ sich einen langen Bart wachsen, so daß ihm Alexander Girardi sagte: „Mit dem Bart, und wenn S’ ein gutes Auftrittscouplet haben, ist’s ein sicherer Erfolg!“ Gerade an Girardi vollführte sie ihre erste cause célèbre. Wiens großer Volksschauspieler war mit der damals gefeierten Soubrette Odilon liiert, und die wollte ihn im Irrenhaus verschwinden lassen. Man mobilisierte die Zuckerkandl, diese mobilisierte Katharina Schratt, diese wiederum ging zum Kaiser – es war wie in einem alten Wien-Film, aber Girardis Freiheit wurde gerettet.

Sigmund Freud gehört zu den von ihr ans Telephon Gerufenen, auch Arnold Schönberg und Hofmannsthal. Einer, der von ihr besonders häufig angeklingelt wurde, war Max Reinhardt. Beim „Jedermann“, beim „Salzburger Großen Welttheater“, bei den mit Kerzenlicht erleuchteten Festen auf Schloß Leopoldskron war sie dabei. Auch damals, als Reinhardt für Salzburg einen amerikanischen Geldgeber benötigte und diesem ein Diner mit Erzbischof und Landeshauptmann gab. Der boshafte Molnar ging hinterher zu dem Amerikaner und redete ihm ein, man habe ihn mit lauter kostümierten Reinhardt-Schauspielern an eine Tafel gesetzt. Der Mäzen war so empört, daß er abreisen wollte. Um ihn zu besänftigen, mußte Reinhardt ihn in den Dom führen, wo der Erzbischof gerade die Messe zelebrierte. Jetzt glaubte er endlich – der Glaube ist nun einmal in Salzburg daheim.