Von Petra Kipphoff

Daß der Kunstmarkt, der in diesem Jahr zum viertenmal in der Kölner Kunsthalle stattfand, aus den Lehrjahren heraus sei, schrieb Dieter Brusberg, der Vorsitzende des „Vereins progressiver Galerien“ im Vorwort zum Katalog (falls diese unhandlichste aller Quasi-Zeitungen die Bezeichnung verdient). Daß die Wanderjahre ein nicht minder mühseliges Geschäft sind, könnte vielleicht im nächsten Jahr an der gleichen Stelle zu lesen sein.

Dreimal hatte der Kölner Kunstmarkt, bei seiner Premiere 1967 als kunstdemokratische Tat, gefeiert, für die beteiligten Galerien höchst erfolgreich geendet, war die Gleichung mit den Unbekannten Kunst, Kasse und Kritik glanzvoll aufgegangen. Bei so viel Erfolg konnte das Don- nerwort vom „Establishment“ nicht, länger ausbleiben, im vorigen Jahr fing man es noch eben ab, ehe es ganz über die Rampe kommen konnte, und installierte auf dem der Kunsthalle gegenüberliegenden Neumarkt den „Neumarkt der Künste“ für die, die nicht in der Kunsthalle mitmachen konnten oder wollten.

In diesem Jahr aber ließ Helmut Rywelski von der Kölner Galerie Art Intermedia sich nicht länger ablenken: Von „Zementierung eines Verkaufsmonopols“ und „massiver Kunstzensur“ war in einem offenen Brief an Dieter Brusberg die Rede und davon, daß er sich mit einem Informationsstand in der Kunsthalle „durchzusetzen“ gedenke. Worauf „Verein ebenso offen darauf hinwies, daß der „Verein progressiver Kunsthändler“ aus „freien und wirtschaftlich unabhängigen Kaufleuten“ bestehe und es die Eigenart eines Vereins sei, daß „er die Aufnahme seiner Mitglieder von besonderen Eigenschaften oder Voraussetzungen“ abhängig macht. Wie das mit der Aufnahme und den Voraussetzungen in Praxis Frage kommen progressive Galerien, die dem Verein einen neuen Akzent geben.“

Daß diese Rechnung so knapp und kühl, wie Brusberg sie darlegt, heute nicht mehr ganz aufgeht, daran ist der Verein leider nicht unschuldig. Das selbstverliehene Adelsprädikat der Progressivität, das schon bei der Vereinsgründung anderen Anlaß für unfreundliche Kommentare und kritische Durchleuchtung der Gründungsmitglieder war, hat sich zur echten Fußangel ausgewachsen. Denn mit der Abstimmung darüber, ob auch anderen dieses Adelsprädikat gebühre oder nicht, begibt man sich in höchst unsichere und fragwürdige Gefilde und müßte wohl auch zugeben, daß Rywelski in der Tat „progressiver“ ist als mancher Vereins-Altvordere. Wenn man jetzt betont, daß man sich „prinzipiell nicht von einem Fußballklub oder Reiterverein“ unterscheide, so hilft das zur Klärung der Lage nicht mehr viel.

Die Stadtväter von Köln, die es gewohnt sind, bis an den Rand ihrer finanziellen und nervlichen Reserven zu gehen, um jedem zu dem zu verhelfen, was er für sein Recht hält, haben zwecks eine salomonische Aktion angekündigt: Zusätzlich zu dem Kunstmarkt (der um den überdachten Innenhof der Kunsthalle vergrößert wird) und dem Neumarkt wird in der Messehalle eine „Kunst- und Informationsmesse“ eingerichtet. Vielleicht überlegt Rywelski sich inzwischen, was denn nun stärker wiegt: die Vorwürfe gegen den Reiterverein oder der Wunsch, mit den Zementierern unter einem Dach zu verkaufen. In jedem Fall aber sollte er sich etwas glaubwürdigere Mitprotestierer aussuchen als in diesem Jahr. Denn wenn ausgerechnet Joseph Beuys, von dem auf dem Kunstmarkt Objekte für über 250 000 Mark angeboten wurden, sich mit Rywelski solidarisiert, so gewinnt diese Aktion dadurch zwar an Prominenz, aber nicht an Glaubwürdigkeit.

Die selbstverordnete Dauer-Progressivität bewährt sich aber auch intern zur Erschwerung des Kunstmarkt-Lebens. Bei einem ersten Rundgang durch die Kojen glaubte der Besucher nämlich feststellen zu können, daß doch, abgesehen von den um rund 20 Prozent höheren Preisen, alles so sei wie im vorigen Jahr, feierte frohes Wiedersehen mit der Gruppe „The Africans“ von Nicholas Monro (dem Völkerkundemuseum einer mittleren Kreisstadt könnte sie durchaus zur Zier gereichen) und dem klassisch schönen Morris Louis („Parting of water“), der in diesem Jahr bei Müller 160 000 Mark kostete, stellte im übrigen fest, daß die Amerikaner dort und Beuys hier den Kunstmarkt beherrschten wie eh und je.