Von Hermann Bohle

Synchronisierung wird in Brüssel nun zur liebsten Vokabel werden“, meinte 1963 Gerhard Schröder, damals noch Bundesminister des Auswärtigen, nach de Gaulles erstem Veto gegen den Beitritt Englands zur EWG. So ist es geblieben. Frankreichs heutiger Chef der Diplomatie, Maurice Schumann, erfand die Formel von der „Vollendung, Vertiefung und Erweiterung“ der Gemeinschaft. Nach diesem Rezept wurde die Zollunion geschaffen, die mit der finanziellen Absicherung der EWG-Agrarpolitik in französischen Augen die „Vollendung“ der EWG brachte.

Synchronisiert steuert die Gemeinschaft nun die Aufnahme Englands, Dänemarks, Norwegens und Irlands an. Gemeinsam bemüht man sich gleichzeitig um die Konsolidierung der bestehenden Sechsergemeinschaft und ihre Vertiefung zu einer echten Wirtschafts- und Währungsunion. Nur wenn beide Ziele, nämlich innerer und äußerer Ausbau, gleichzeitig anvisiert werden, läßt sich die Mitwirkung aller sechs Regierungen erreichen.

Die Arbeit, die 3000 Brüsseler Bürokraten und die sechs Regierungen bewältigen müssen, ist also gewaltig. Die Beitrittsverhandlungen mit England sind nicht nur im Gange – sie nähern sich bereits der ersten Krise. Mit Dänemark, Norwegen, Irland gab es bereits Kontakte. Jene europäischen Staaten, die mit der Gemeinschaft wirtschaftlich ins reine kommen, ohne ihr gleich voll beitreten zu wollen (die Schweiz, Österreich, Schweden), haben ihr Eröffnungsgespräch mit Brüssel Anfang November.

Handelskrieg verhindern

Mit Japan wird ein gemeinsamer Handelsvertrag ausgearbeitet. Europa-Kommissar Ralf Dahrendorf war gerade in den USA, um einen Handelskrieg der zwei größten Partner im Welthandel in letzter Minute zu verhindern. Der Vormarsch der Protektionisten in den USA beschwört diese Gefahr herauf.

An die Brüsseler Türen klopfen – wenn auch noch sehr diskret – jetzt auch osteuropäische Staaten. Sie möchten nun doch mit der Gemeinschaft ins Gespräch kommen. Schon spricht Europa-Präsident Franco-Maria Malfatti davon, vor Kontakten zwischen der EWG und der osteuropäischen Wirtschaftsorganisation Comecon solle man – wie im Fall des britischen Beitritts – mit einer „Tatsachenfeststellung“ (fact finding) beginnen (vgl. ZEIT-Gespräch mit Malfatti in Nr. 41). Außenminister Scheel meinte, die Sowjetunion werde sich nun daran gewöhnen müssen, daß sie als Partner nicht nur die Bundesrepublik, sondern auch die EWG habe.