Als Bonns Entwicklungsminister Erhard Eppler zu Beginn dieses Jahres die Behauptung wagte, die Bundesrepublik – einst Trittbrettfahrer der amerikanischen Entwicklungshilfe – sei inzwischen unbemerkt international in eine Führungsrolle geschlüpft, klang das für manchen allzu vermessen. Wer aber immer noch nicht bemerkt haben sollte, daß neuerdings nicht mehr die Bundesrepublik auf den amerikanischen Hilfszug aufspringt, sondern die US-Amerikaner von den deutschen Entwicklungshelfern lernen wollen, kann dies der jüngsten Botschaft Präsident Nixons an den US-Kongreß über die Reform der amerikanischen Auslandshilfe entnehmen. Kurz bevor im New Yorker UNO-Hauptquartier die zweite Entwicklungsdekade, nämlich die siebziger Jahre, eingeläutet wurden, schickten sich die USA nämlich an, allzu alte Zöpfe ihrer Entwicklungshilfe zu entfilzen. Sie propagieren nun Ziele und Methoden, die bei uns längst fester Bestandteil der Entwicklungspolitik sind.

Entscheidungshilfe leistete dem amerikanischen Präsidenten der Peterson-Report, so genannt nach seinem geistigen Vater, dem ehemaligen Bankier Rudolph A. Petersen, der im Auftrag seines Präsidenten die US-Aktivitäten für die Dritte Welt einer kritischen Prüfung unterzogen und für schlecht befunden hatte.

Peterson ist es somit zu verdanken, daß dem amerikanischen Steuerzahler in Zukunft reiner Wein über die Auslandshilfe eingeschenkt werden soll. Was nämlich bis heute im amerikanischen Budget als foreign aid ausgewiesen wird, ist noch lange keine Entwicklungshilfe im eigentlichen Sinne. In den so bezeichneten Programmen ist auch die Militärhilfe für Vietnam, Kambodscha, Thailand, Laos, Korea, Taiwan, die Türkei, Griechenland und weitere 44 Länder enthalten. Auch die Krisenfeuerwehren im Fall Korea und Dominikanische Republik wurden aus diesem Topf finanziert. Diese sogenannte security assistance betrug im vergangenen Jahr rund 3,4 Milliarden Dollar. Auf sie entfiel der Löwenanteil aus der foreign-aid- Kasse. Die echte Entwicklungshilfe hatte mit 2,7 Milliarden Dollar im Jahr 1969 nur einen Anteil von 42 Prozent am Haushalt „Auslandshilfe“.

Amerikas Präsident mag den Wunsch hegen, daß nach einer klaren Trennung von Militär und Entwicklungshilfe eines Tages leichter öffentliche Mittel für den wirtschaftlichen Aufbau in der Dritten Welt organisiert werden können als bisher. Das ist auch dringend notwendig, denn das Nachlassen des amerikanischen Engagements in den noch wenig entwickelten Ländern läßt sich nicht mehr länger bemänteln, auch wenn es in Nixons Botschaft schweigend übergangen wird.

Seit der Lateinamerikareise Nelson Rockefellers im vergangenen Jahr ist nämlich auch den Amerikanern klargeworden, daß an ihrem Wesen die Entwicklungswelt nicht genesen will und kann. Ungeduld, wie sie sich auf Grund der raschen Erfolge mit dem Marshall-Plan in dem vom Krieg verwüsteten Europa eingestellt hat, ist fehl am Platze. Auf dieser Erkenntnis fußt denn auch Nixons Reformvorschlag, die amerikanischen Entwicklungsgelder zum größten Teil über multilaterale Organisationen zu leiten und die bilaterale Hilfe in einem internationalen Rahmen zu betten. Die Einsicht jenseits des Atlantik, daß durch die Zwischenschaltung politisch unverdächtiger Institutionen politische Spannungen zwischen Gebern und Nehmern vermindert werden können, kam den USA trotz geographischer Nähe zu den beiden großen internationalen Hilfsorganisationen, der Weltbank (zuständig für Kapitalhilfe, Sitz in Washington) und dem Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen, UNDP (verantwortlich für technische Hilfe, Sitz New York), später als bei den meisten europäischen Geberländern.

Auch in Sachen Lieferbindung bei der bilateralen Kapitalhilfe hinken die USA hinterher. Erst ein Nachlassen der Zahlungsbilanznöte und ein größeres Vertrauen in die Wettbewerbsfähigkeit der eigenen Industrie ermunterte Nixons Berater, von der Kaufauflage für Waren made in USA in den Hilfsverträgen abzusehen. Damit wäre für die Empfängerländer der Hauptstein des Anstoßes bei der amerikanischen Entwicklungshilfe ausgeräumt und der Weg frei für eine baldige Aufhebung der Lieferbindung im Rahmen der OECD. Denn nun werden auch die letzten Zauderer – Frankreich, Kanada und Australien – umzustimmen sein.

Unterstützung für die neue amerikanische Entwicklungsstrategie erhofft man sich in den USA von einer modernisierten Entscheidungsmaschinerie, die an die Stelle der Mammutorganisation AID (Amt für internationale Entwicklung) mit ihren rund 14 000 Angestellten treten soll: dem „Amerikanischen internationalen. Entwicklungsinstitut“. Ihm wird nach Nixons Wunsch die technische Hilfe übertragen, der Export der modernen Wissenschaft und Technologie. Die „Gesellschaft für private Auslandsinvestitionen“ schließlich soll als Kontaktstelle und zur Sammlung und Verwertung der Erfahrungen fungieren. Die Richtlinien der Entwicklungspolitik aber sollen weiter im Weißen Haus formuliert werden, denn in den USA gibt es kein Ressort „Entwicklungshilfe.“ Erika Schork