DIE ZEIT: Als Sie vor einem dreiviertel Jahr den Chefstuhl bei BMW einnahmen, betonten Sie in Übereinstimmung mit Großaktionär Quandt sehr stark das Bestreben, das „weiß-blaue“ Unternehmen selbständig zu erhalten. Hat sich daran inzwischen etwas geändert?

v. Kuenheim: Es ist nach wie vor das Ziel Quandts wie des Vorstandes, die Selbständigkeit von BMW auf lange Zeit zu sichern. Wir haben eine Größe erreicht, die uns in die Lage versetzt, ein ausreichendes Vertriebsnetz zu unterhalten, wirtschaftlich zu fertigen und die notwendigen Entwicklungskosten aufzubringen.

DIE ZEIT: Ist die geschäftspolitische Konzeption Ihres Unternehmens – das Operieren in einer immer breiter werdenden Nische, die durch sportliche und prestigebewußte Autofahrerschichten bestimmt wird – nach wie vor aktuell, oder sehen Sie Anzeichen für einen abgestoppten Trend zu sogenannten Prestigewagen auf dem deutschen Markt?

v. Kuenheim: Ich finde das Wort „Prestige“ unglücklich, weil es mit gewissen sozialen Vorstellungen belastet ist. BMW wird es immer gut anstehen, wenn es sich im Feld des Understatement bewegt und für solche Leute Autos baut, die nicht unbedingt auffallen wollen, aber für das Besondere aufgeschlossen sind. Der BMW ist nicht speziell ein Wagen für Oberschichten. Gewiß ist er für ein gehobenes Käuferpublikum gedacht, aber nicht als Prestigeauto in diesem fragwürdigen Sinne. Den Trend nach oben sehe ich keinesfalls abgestoppt. Es ist das Problem und die Chance von BMW: je uniformer unsere Gesellschaft und der Modegeschmack werden, um so größer, wird die Gruppe derer, die sich durch das Besondere von anderen abheben wollen.

DIE ZEIT: Dennoch erwarten Sie wohl eine gewisse Abflachung des BMW-Umsatzes in den nächsten Jahren. Könnte dann aber nach einer Konsolidierungsphase wieder eine expansive Entwicklung ähnlich jener in den vergangenen Jahren eingeleitet werden?

v. Kuenheim: Das ist ein fast philosophisches Thema. Solange BMW ein sogenanntes besonderes Auto baut, stellt sich immer die Frage, wieviel davon auf die Straßen kommen dürfen. Wenn ein bestimmter Marktanteil und eine bestimmte Größe überschritten werden, leidet das Flair des Besonderen. Die vom Markt her „optimale Größe“ verschiebt sich zum Glü.ck von Jahr zu Jahr nach oben. Aber es wäre bestimmt nicht richtig von BMW, ins eigentliche Massengeschäft einzusteigen. Es wäre deshalb kein Unglück, wenn BMW einmal ein oder zwei Jahre kaum wachsen würde. Die steigenden Kosten zwingen allerdings neben der forcierten Rationalisierung uns wie jedes andere Unternehmen zur ständigen Expansion.

DIE ZEIT: BMW hat inzwischen eine Seriengröße erreicht, die auch den rentablen Bau eines kleineren Wagens wieder zuläßt, oder will man nach wie vor in der oberen Mittelklasse und in der Spitzenklasse operieren? Bietet sich hier vielleicht eine Zusammenarbeit mit anderen Firmen an?