Von Volker Plagemann

Dr. Volker Plagemann ist Dozent für Kunstgeschichte an der TH Aachen.

Erforschung der in Vergangenheit und Gegenwart von Menschen geformten Dinge – der Produkte der Architektur, der bildenden Künste, des Kunstgewerbes –, Untersuchung der Produktions- und Rezeptionsweisen, Erhellung von deren Hintergründen und theoretische und praktische Vermittlung der Ergebnisse an die Gesellschaft: das wäre, grob umrissen, der weite Aufgabenkreis einer gegenwarts- und gesellschaftsbezogenen Kunstgeschichtswissenschaft. Ist aber das überkommene Fach Kunstgeschichte heute in der Lage und willens, diese vielschichtigen Aufgaben wahrzunehmen? Bieten Staat und Gesellschaft dem Fach ausreichende Wirkungsmöglichkeiten? Will der Personenkreis der Kunsthistoriker, der den Blick gern auf eine vergangene „große Tradition“ seines Faches gerichtet hält, seine Aufgaben in der Industriegesellschaft der Gegenwart und Zukunft sehen? Werden die Studenten des Faches auf diese Aufgaben vorbereitet?

Das Fach Kunstgeschichte hat sich im 19. Jahrhundert herausgebildet und spielte für eine bildungsbürgerliche Minderheit eine große Rolle. Während aber die Parallelfächer in einen offiziellen Bildungskanon für alle gesellschaftlichen Bereiche eingingen, ihre Ergebnisse in breitem Strome an die Schulen weitergaben und an den Universitäten zu großen Fächern geworden sind, wird die Kunstwissenschaft heute als außerhalb dieses Bildungskanons empfunden, zählt kaum in den Schulen und wenig an den Universitäten und ist in den Geruch eines esoterischen Faches gekommen. Die Fachwissenschaftler bilden einen kleinen, übersehbaren Kreis, innerhalb dessen sich ein hierarchisches System von Abhängigkeit und Anpassung einstellen konnte, das zu geistiger Überalterung, Konservativismus, Gegenwartsfremdheit und Gesellschaftsferne neigt.

Was tun Kunsthistoriker, und wo tun sie es?

Eine kleine Zahl von Kunsthistorikern betreibt reine und freie (also nicht an gesellschaftlichen Notwendigkeiten orientierte) Kunstgeschichtsforschung im Münchener Zentralinstitut für Kunstgeschichte, im Florentiner Kunsthistorischen Institut und in der römischen Bibliotheca Hertziana, den drei Elfenbeintürmen der bundesrepublikanischen Kunstwissenschaft.

Eine übersehbare Zahl ist an den kunsthistorischen Hochschulinstituten in der Forschung und in der Lehre tätig. Die Lehre gilt der kleinen Zahl zukünftiger Kunsthistoriker, außerdem einer Reihe von Geisteswissenschaftlern, die Kunstgeschichte als Nebenfach belegen, und einer größeren Zahl von interessierten „Hörern aller Fakultäten“; Lehrer studieren das Fach nur aus privatem Interesse, denn es wird von fast allen Bundesländern als Schulfach nicht anerkannt. An den TH-Instituten gehören auch die Architekten, für die Kunstgeschichte Pflichtfach ist, zum Hörerkreis. Außerdem gibt es den kunsthistorischen Unterricht an Kunsthochschulen, der vornehmlich den praktisch künstlerisch (das heißt leider häufig ohne Reflexion auf die historische Dimension) ausgebildeten Kunsterziehern gilt.