ARD, Sonntag, 18. Oktober: „Das Millionenspiel“, von Wolf gang Menge und Tom Toelle

Der Film war kaum ausgeblendet, als schon Volkesstimme herausgefordert wurde: „Bild“, versteht sich, fragte prompt: „Was meinen Sie? Reizte dieses Fernsehspiel zum Mord oder sollte es die Zuschauer vielleicht nur auf ihre eigene Sensationslust hinweisen...?“ Und den Fragen mit den drei Bedeutungspunkten am Ende war dreimal Vorsagerei, fettgedruckt, vorangestellt; ganz besonders schnelle „Bild“-Leser hatten sich empört: „Das ist einfach geschmacklos.“ „Die größte Schweinerei, die uns jemals vorgesetzt wurde.“ „Der Mann, der erlaubt hat, dieses Spiel zu senden, würde von mir fristlos entlassen werden.“ Man möchte ein Quiz veranstalten: Wer denn sind die H. Winkel und M. Steckel aus Hamburg 62 und Hamburg 52 und der W. Hensemann aus Stuttgart, die so rechtzeitig zum Redaktionsschluß der „Bild“-Spätausgabe reagierten? Doch zur Sache:

Dieser Film, in Farbe übrigens, hatte Kinolänge und, eine Prise Pi-Pa-Porno inklusive, auch Kino-Effekte; und so darf man erwägen, ob er, auf Leinwänden statt auf dem Bildschirm gezeigt, ein Millionenfilm geworden wäre. Ich glaube das nicht. Er war nur mäßig spannend. Wer mal Bier aus der Küche holte, versäumte nichts bis wenig. Das heißt aber: diese Fiktion hatte exakt die Minderspannung der wirklichen Quiz-Spiele im Fernsehen. Der Plafond zur Dokumentation war einsturzsicher gelegt.

Es ging, vordergründig, um die show-gesprenkelte Unterhaltungssendung einer kommerziellen Fernsehgesellschaft, irgendwann in den achtziger Jahren, in nächster Zukunft also: Im „Millionenspiel“ wird ein Mann unter den Objektiven der Kameras von einem Gängstertrio gejagt. Überlebt er, erhält er eine Million Mark. Gewinnen die Gangster, gibt es 20 000 bis 120 000 Mark für sie, wobei das „Wert-Zeit-Prinzip“ zu beachten ist: Je später sie den Verfolgten erschießen und je schwieriger das wird, desto höher steigt die Prämie. Die Sache ist legal, derart legal, daß die Polizei (auf Anforderung von Fernsehbossen ja schon längst bereit, Blaulicht und Sirene einzuschalten) die Gangsterbande, damit die Fernsehunterhaltung nicht im Straßenverkehrsgewühl veröde, ein Stück des Weges eskortiert. Ein „Gesetz zur aktiven Freizeitnutzung“, erlassen am 7. Juni 1973, offenbar kurz vor der Parlamentssommerpause verabschiedet, macht’s möglich. Dem Volk soll Gelegenheit geboten werden, sich seiner Aggressionen zu entledigen.

Die fixe Idee, Auswuchs der grassierenden Vulgärpsychologie, stammt von Robert Sheckley. Er hat ein ähnliches Mörderspiel in einer später verfilmten Kurzgeschichte beschrieben. Wolfgang Menge und Tom Toelle haben sie in die deutsche Fernsehmöglichkeit von morgen übersetzt; und die Möglichkeit wirkt wie Wirklichkeit.

Einer wird gejagt. Da wird „Einer Wird Gewinnen“ zu einer Sache von gestern; und der „Goldene Schuß“ wird scharf gefeuert. Die Werhat-Amerika-entdeckt-Quizzerei ist gestrichen. An Stelle des Familienwettstreits ist der Gladiatorenkampf getreten. List kontra Maschinenpistole. Das Spiel ist umgekippt ins Blutig-Ernste.

Ansonsten hat sich nichts geändert. Der Showmaster mit seinen beiden „Assistentinnen“ und seinem „Hoffen wir, daß“-Aufmunterungsjargon, die Spießermasse in der Hallenarena, die Leute draußen, die ihren Statementsenf („Finde ich richtig“, „Finde ich schrecklich“) dazutun, die Intrige im Regieraum, die Quatscherei der Reporter, das „Toi, toi, toi“ und das „Wollen wir fair sein“-Gebrabbel – alles wie gehabt; und wenn Gefahr im Verzuge ist, daß der „Kandidat“ nicht in Kamera-Reichweite verbluten könnte, dann wird Regie eben zur Manipulation. Man schummelt.