Schon vor zweihundert Jahren waren – was wir aber erst jetzt erfahren – die Eltern an allem schuld, nämlich schuld daran, was aus ihren Kindern wurde und was die Kinder als Erwachsene verbrachen. Das gilt auch im Fall Robespierre. Indem Maximilien Robespierre (1758 bis 1794) die jakobinische Schreckensherrschaft auf ihren Höhepunkt trieb, machte er damit, „psychologisch gesehen“, den konsequenten Versuch, die „Sorglosigkeit, den Leichtsinn und die Prinzipienlosigkeit seines Vaters durch Pflichtbewußtsein, Würde und Tugend zu ersetzen“. So jedenfalls wird der Lebensweg des „Unbestechlichen“ in einer vor zwei Jahren in Frankreich erschienenen und jetzt in deutscher Übersetzung vorliegenden Robespierre-Biögraphie erklärt –

Max Gallo: „Robespierre“ – Die Geschichte einer großen Einsamkeit, aus dem Französischen von Pierre Bertaux und Bernd Witte; Gerhard Stalling Verlag, Oldenburg; 312 S., 28,– DM.

Robespierres Vater, der an allem schuld war – die Mutter ist in diesem Fall unschuldig; sie starb sehr früh, nach der Totgeburt ihres fünften Kindes, als Maximilien, der Älteste, sechs Jahre alt war – setzte zunächst die Familientradition fort, indem er in Arras als Advokat praktizierte. Aber schön bei der Hochzeit oder doch bald danach wurde offenbar, daß dieser Sproß der alten Juristenfamilie anders war als seine Väter; denn nach nur fünf Monaten kam Maximilien auf die Welt. Der alte Robespierre hatte also, wie Gallo sagt, „das Mädchen entehrt“, ja mehr noch, er hatte – es handelte sich um die Tochter eines Brauereibesitzers – auf diese Weise „die Ehe erzwungen“.

Doch damit nicht genug. Gallo: „Die Labilität von Robespierres Vater ging so weit, daß er in vier Jahren viermal umzog, und das zu einer Zeit, als seine Frau fast ununterbrochen schwanger war.“ Und eines Tages, nachdem er inzwischen „durch die Vielzahl der Kinder den Tod seiner Frau verursacht“ hatte, setzte er sich nach Deutschland ab, wo er sich als Sprachlehrer durchzuschlagen versuchte, und ließ seine vier Kinder einfach sitzen. Nach Gallo gab es für Maximilien, der damals sechs Jahre alt war, von da an nur noch eine Möglichkeit, „ein Mann der Ordnung“ zu werden: „Er fühlt sich schuldig für seinen Vater, dessen Gedächtnis er auslöschen muß und den er verleugnet, indem er ein radikal entgegengesetztes Verhalten an den Tag legt.“

Von hier aus versucht Gallo, den ganzen Robespierre zu deuten, den fanatischen Kämpfer für Wahrheit und Freiheit, der nach dem ersten Todesurteil,, das er fällt, fast zusammenbricht, aber später mehr und mehr Todesurteile fordert und von einer Welt träumt, „in der alles glatt und ruhig abläuft, von einer, heilen Welt, wie er sie als Kind nicht gekannt hat“. Es ist ein überspitzter Versuch, keineswegs faszinierend (wie der Verlag, verspricht), in seiner Einseitigkeit eher langweilig noch dazu kaum nachprüfbar, da auf Quellen- und Literaturangaben verzichtet wurde.

Gerhard Prause