Von Carl-Christian Kaiser

Hannover, im Oktober

Wenn der Evangelische Arbeitskreis der Unionsparteien Aperçus und Pointen hervorbringt, dann aus Versehen. Zum Beispiel wie in jenem Moment, in dem der niedersächsische CDU-VorsitzendeHasselmann bei der Abschlußkundgebung des diesjährigen Treffens in Hannover mitteilte, daß „Herr Ministerpräsident Kohl noch nicht landen kann“. Durch die Reihen der Zuhörer ging ein Schmunzeln, das Hasselmann verdutzt wahrnahm. Hatte er die widrigen Umstände auf dem vom Herbstnebel zugedeckten hannoverschen Flughafen vor Augen, so dachten die Versammelten an ganz andere Landeplätze: an jene Plätze, die demnächst an der Spitze der Union zu vergeben sind, und an jene Bewerber, die sich ihnen teils immer ungenierter, teils: mit großer Vorsicht nähern.

Wer über? Jahr oder womöglich schon sehr viel früher bereits Kanzler sein könnte – diese Frage war auf der Jahrestagung des Evangelischen Arbeitskreises das Hauptthema zwar nicht des offiziellen. Programms, wohl aber in den Kulissen.

Im Kreis der Protestanten in der Union ist Helmut Kohl, neben Heinrich Koeppler der zweite prominente katholische Gast des Treffens, freilich schon längst gelandet. Jene Jahre, in denen sich der Arbeitskreis als Widerlager zum beherrschenden Einfluß der Katholiken in der CDU/CSU begriff – ein Widerlager, das die Brücke zwischen den Konfessionen verstärken sollte –, sind ohnehin Reminiszenz. Dazu hat vor allem die Tatsache beigetragen, daß die Union fast in dem Maße von evangelischen Wählern Zulauf erhielt, in dem sie auf ihre katholischen Anhänger, zumal im Umkreis urbaner Regionen, nicht mehr fest rechnen konnte.

Daß es den Protestanten in der CDU/CSU an Gewicht mangele, davon kann heute keine Rede mehr sein. Was noch vor vier Jahren, auf der Bochumer Tagung des Arbeitskreises, wie unter den Vorzeichen einer Diaspora diskutiert wurde, nämlich „den Evangelischen Arbeitskreis auch für das politisch-ökumenische Gespräch mit den Katholiken“ zu öffnen, ist inzwischen eine Selbstverständlichkeit.

Vor allem aber sind es aktuelle Umstände, die alte Demarkationslinien verwischen und ganz neue Fronten schaffen. Wenngleich Gerhard Schröder als Vorsitzender des Arbeitskreises dieses Gremium nie als seine „Hausmacht“ verstanden wissen wollte und sich der Kreis auch nie so verstanden hat, so sehr hat der frühere Innen-, Außen- und Verteidigungsminister sich das Forum der Protestanten doch stets als Plattform für programmatische Erklärungen zunutze gemacht und auch als Gelegenheit, wider den Stachel zu löcken. Hatte er 1968, auf dem Stuttgarter Treffen, die Frage aufgeworfen, ob die Große Koalition nicht doch „Stück um Stück eine manipulierte Herrschaftsform“ herbeiführe, hatte er ein Jahr später in Düsseldorf Kiesinger und die Partei mit der Feststellung schockiert, daß die Diskussion über eine – für die FDP tödliche – Wahlrechtsreform als „unrealistisch und unzeitgemäß eingestellt werden“ sollte, so ging es diesmal um die Strategie der CDU/CSU in der Opposition. Auch hier präsentierte sich Schröder als ein Mann, der sich euphorischen Tagesstimmungen zwar mit zurückhaltenden Formulierungen, aber um so beharrlicher widersetzt.