Von Walter Rosengarten

Im Jahre 1912 war das Los der Bürger Ton Paris beklagenswert. So wie sie es sahen, blieb ihnen scheinbar nur die Wahl, sich von Banditen umbringen zu lassen oder von Ordnungshütern, beamteten oder solchen aus eigenem Auftrag. Frankreich, besonders Paris und seine Umgebung, wurde von einer Welle des Schreckens erfaßt. Die Gesetzesbrecher, etwa 20 Mann, gehörten zur „bande à Bonnot“, die sicher die verwegenste, von Skrupeln freieste Vereinigung von Verbrechern gewesen ist, die man damals auf dem Kontinent jagte. Angst und Verbissenheit waren so groß, daß im Laufe einer wochenlangen Treibjagd zehn Menschen auf offener Straße gelyncht wurden, weil man in ihnen Leute von Bonnot erkannt haben wollte. Es war die erste Verbrecher-Gang, die schwer bewaffnet und motorisiert – noch vor Al Capone mit seinen im Auto davonrasenden bootleggers – an die „Arbeit“ ging.

Raymond-la Science, mit seinen 22 Jahren, war überzeugt vom rechten Weg: Er und seine •Freunde hielten sich wirklich für die Herren der Welt. „Wenn wir nur hundert Männer vom gleichen Schlage wären, ganz Paris, ganz Frankreich wäre in unserer Gewalt.“ War das Anarchismus? Oder ging es hier eher um Macht als um Freiheit, gar um die Freiheit der anderen, der Unterdrückten und Machtlosen im Lande?

Was war geschehen? Ein Raubüberfall in Chantilly bei Paris: Tote und Verletzte, schon beim Überfall auf die Besitzer der zum Bankraub benutzten Limousine. Beute: 50 000 Franken in Scheinen und Gold. Die Polizei ist ohnmächtig; die telephonische Verbindung mit der Präfektur in Paris kommt erst nach einer Stunde zustande – „nach guter französischer Tradition“, heißt es dazu beiläufig in dem Buch

Bernard Thomas: „Anarchisten. Das kurze, aber dramatische Leben des Jules Bonnot und seiner Komplicen“; deutsch von Verena Haas-Jent und Ilse Bindseil; Walter Verlag, Olten/Freiburg i. Br. 1970; 359 Seiten, 22,– DM.

Bonnot und seine Männer sind schon längst im Pariser Menschenstrom untergetaucht, der Wagen ist mit Benzin übergössen und niedergebrannt worden.

Nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch und nach dem geltenden Moralkodex der Gesellschaft handelte es sich bei den Tätern um brutale, kaltblütige Verbrecher. Schon zu ihrer Zeit fragten sich aber viele, darunter mancher skeptische Betrachter seiner Umwelt: Waren jene Mörder, die sich gern „Illegalisten“ nannten, wirklich nur Banditen, die sich auf Kosten und in der Regel über die Leichen ihrer Mitmenschen (meisteis „kleiner Leute“) bereicherten, um am Rande der Gesellschaft steuerfrei ihr schändliches Dasein bedenkenlos ausleben zu können?