Von Marcel Reich-Ranicki

Ein höchst origineller deutscher Schriftsteller, der allerdings nicht deutsch schreiben kann – ein solches Diktum war manchen Kritiken zu entnehmen, mit denen 1962 Jakov Linds Erzählungsband "Eine Seele aus Holz" in der Bundesrepublik bedacht wurde. Denn nicht weniger als die ungebärdige Phantasie dieses Poeten, der in düsteren Geschichten Wirkliches mit Unwirklichem und Allzuwirkliches mit Überwirklichem auf sonderbare, meist grobschlächtige Weise zu mischen wußte, schockierte auch seine Sprache: Ihre offensichtliche Fragwürdigkeit ließ sich schwerlich als stilistische 5 Eigenart rechtfertigen.

Die nächsten Bücher Linds, in denen sich nicht die auffallenden Qualitäten, wohl aber die Schwächen seines Erstlings wiederfanden, wurden hierzulande schroff abgelehnt, dort jedoch, wo sie in Übersetzungen erschienen, ungleich freundlicher aufgenommen. Auch damit – und nicht nur mit der benötigten Distanz zum jetzt behandelten Thema – mag es zusammenhängen, daß der ohnehin seit vielen Jahren zwischen den Sprachen pendelnde Autor sein neues Buch – Jakov Lind: "Selbstporträt"; S. Fischer Verlag, Frankfurt; 215 S., 20,– DM

– englisch geschrieben hat. Nachdem es in der angelsächsischen Welt schon sehr erfolgreich war, erreicht es uns in Günther Danehls sorgfältiger und von Lind autorisierter und ausdrücklich befürworteter Übersetzung. So geht der heimliche Wunsch jener in Erfüllung, die seine Prosa lesen wollten, ohne sein Deutsch in Kauf nehmen zu müssen.

Lind, der weder ein typischer Intellektueller noch ein feinsinniger Ästhet ist, machte bisher den Eindruck eines ziemlich wüsten und etwas wirren Naturburschen, eines zornigen und oft ungestümen literarischen Draufgängers, der niemandem nach dem Munde redete und allzu deutlich bemüht war, das Publikum, koste es, was es wolle, vor den Kopf zu stoßen. Von diesem Ehrgeiz, der vielen in der zeitgenössischen deutschen Literatur einen so unseriösen, so harmloskonventionellen Anstrich gibt und der manches von Lind unerträglich machte, scheint er sich mit dem in einer fremden Sprache entstandenen "Selbstporträt" befreit zu haben.

Owê war sint verswunden allîu mîniu jâr! – die schwermütig-einfache Klage des Walther von der Vogelweide ist heute wie vor Jahrhunderten das mehr oder weniger verborgene Motto sämtlicher Autobiographien. Aber was in den meisten Rückblicken auf die eigene Jugend unweigerlich zu sentimentalen Akzenten führt, hat sich auf den Schriftsteller Lind geradezu heilsam ausgewirkt.

Denn es war wohl jene traditionelle Melancholie der Autobiographen, die diesem gehetzten und getriebenen, diesem impulsiven und unbeherrschten Mann nun doch zu einiger Ruhe und Distanz, zur Gelassenheit, ja fast schon zur Souveränität verholfen hat. Und ohne Humor und Ironie, ohne etwas Resignation und viel Distanz wäre es ihm niemals gelungen, die beklemmenden und höchst dramatischen Begebenheiten seiner frühen Jahre in einem Buch darzustellen, das erschütternd und komisch zugleich ist und das nichts verniedlicht oder verharmlost und sich trotzdem streckenweise wie eine Schelmengeschichte liest.