Von Dieter E. Zimmer

In Thomas Bernhard hat die Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung wiederum einen unserer wichtigsten Schriftsteller zum Büchner-Preisträger gemacht, und nicht nur einen der wichtigsten, sondern einen, dem eine solche Auszeichnung wirklich noch helfen kann. Überhaupt muß man einer Institution Respekt bezeugen, die sich ihre Preisträger über eine so lange Zeit hin mit einem derartig sicheren Blick ausgesucht hat...

So etwa könnte man formulieren, und man könnte sogar ein gutes Gewissen dabei haben. Selbst wenn das Ritual der Preisverleihungen inzwischen etwas fragwürdig geworden sein sollte: wer wird es denn noch ernst genug nehmen, um sich ernsthaft daran zu stoßen? Wer wird all den netten alten Herren ausgerechnet jetzt in die Suppe spucken wollen, wo die Linken sie wieder in Frieden lassen?

Es ist nicht gerecht, es ist bestimmt sehr einseitig und entbehrt jeder notwendigen Abgeklärtheit oder Abgebrühtheit und ist nur eine Sache des Aspekts, wenn man dem beglückten Klatschen in Darmstadt entgegenhält, daß man diese Preisverleihung an Thomas Bernhard einfach als obszön empfand.

Peinlich und irgendwie schmuddelig sind die meisten Preisverleihungen, in denen sich Institutionen oder Behörden zu einem Dichter herablassen, mit dessen Namen sie sich selber wichtig machen können; sind diese feierlichen, staubigen Rituale mit ihren falschen Zungenschlägen als öffentliche Belobigung dafür, daß sich jemand beispielsweise lange und überzeugend genug gegen überlebte Formen und falsche Töne gewandt hat. Wie oft haben sich Preisdichter und Preisredner schwitzend aus der Verlegenheit gewunden.

Peinlicher noch jene neueren Festakte, bei denen nicht nur der einzelne der Krake Kulturbetrieb konfrontiert war, sondern in Subjekt und Objekt der Feierlichkeit sich unversöhnliche politische Gegner gegenüberstanden, die nur für die Dauer einer Feierstunde die Kampfhandlungen aussetzten. Immerhin, hier wurde noch in ein und demselben Koordinatensystem gekämpft: die einen hatten die Macht, die anderen wollten sie – oder zumindest bildeten sich beide ein, daß es sich so verhalte.

Eine Preisvergabe an Thomas Bernhard aber bringt zwei völlig inkommensurable Systeme zusammen. Thomas Bernhard feiern heißt ihn verachten oder zeigen, daß man ihn nicht verstanden hat. Es heißt: so ernst kann er es nicht gemeint haben. Und daß ein Autor wie Bernhard das Spiel mitspielt, heißt: so ernst habe ich es nicht gemeint. Daß wir alle erbärmlich, unzurechnungsfähig, verrückt seien, und nichts anderes sagt Bernhard in seinem Werk immer wieder, nichts anderes sagte er auch in seiner Darmstädter Dankesrede – das ist eine vielleicht nur zu wahre Erkenntnis, aber eine, die sich schlechterdings nicht beklatschen oder auszeichnen läßt. Und wenn sie Applaus bekommt und Applaus duldet, so nimmt sie sich selber zurück und hat folglich keinen Applaus verdient.