Sechzehn Stunden im Leben des Alex Möller

Von Wolfgang Hoffmann

Ein Freitagmorgen im Oktober. Für acht Uhr hatte ich mich mit Finanzminister Alex Möller zum Frühstück in seiner Bonner Wohnung, Langenbachstraße 4, verabredet. Fräulein Maria Vody, die Haushälterin des Ministers, läßt mich ein; Alex Möller sitzt bereits am Frühstückstisch, neben sich die wichtigsten Morgenzeitungen. "Ich habe schon angefangen", meint er, "bedienen Sie sich." Dann liest er weiter in seiner Zeitung. So begann "ein Tag im Leben des Alex Möller".

Nachdem Möller seine Lieblingsgazette, die Stuttgarter Zeitung, ausgelesen hat, gibt er mir das Blatt weiter. Die Zeitungen sind für den Minister heute besonders wichtig. Sie kommentieren die zweite Runde der ersten Haushaltslesung und den gescheiterten Versuch der Opposition, den Minister mit einem Tadelsantrag in Mißkredit zu bringen. Alex Möller hat keinen Grund, sich über die Berichte der Morgenzeitungen zu ärgern. Er hat heute eine gute Presse. Nur einmal mokiert er sich über einen Artikel in der Welt, vor allem über den letzten Absatz eines, wie Möller meint, "sonst sehr objektiven Berichts".

"Mußte das nun wieder sein? Das ist doch einfach falsch." Der Minister liest die Passage vor. Sie unterstellt ihm, er habe sich der Aufforderung des SPD-Fraktionsvorstandes widersetzt, sich wegen seiner umstrittenen Äußerung über die geistige Nähe der CDU/CSU zu jenen Kreisen, die bereits zwei Kriege und zwei Inflationen zu verantworten hätten, bei der Opposition zu entschuldigen. Möller: "Eine solche Aufforderung hat es überhaupt nicht gegeben. Wenn die Fraktion das gefordert hätte, wäre ich dem ja nachgekommen."

Alex Möller erläutert noch einmal die Vorgänge vom Vortag, erklärt, wie es zu der Äußerung gekommen ist, zu der ihn der CDU-Abgeordnete Haase mit dem Zwischenruf "Sie machen die dritte Inflation" provoziert hat. Der Minister hat kein Verständnis für solche Polemiken der Opposition. "Da reden die einen schon wieder von der Großen Koalition, Leute wie Katzer zum Beispiel, und die anderen polemisieren, wie es schlimmer gar nicht mehr geht – der Haase und der Stoltenberg, der feine Pinkel. Für mich gibt es keinen Gedanken daran, noch einmal mit dieser Partei zusammenzuarbeiten, noch dazu, wo jetzt diese drei Figuren von der FDP dabei sind. Nein, nicht mit solchen Leuten."

Warum liest Möller die Zeitungen eigentlich selbst, wenn er sich doch gelegentlich dabei ärgern muß? Er könnte sich doch das Wichtigste vortragen lassen wie die anderen Minister. "Man muß eine Zeitung im ganzen lesen; mal schreibt der eine so, ein anderer sieht die Dinge dann wieder etwas differenzierter. Es kommt oft auf Nuancen an, und wenn ich mir das vortragen ließe, würde mir manches entgehen."