In unserem Staat droht eine Verrohung im politischen Kampf die sachliche Auseinandersetzung zu verdrängen. Vorbilder dieser neuen Kampfmethoden sind die Aktionen von Stadtguerillas und Freiheitskämpfern in den Unruheherden dieser Welt. Der häufigste Indikator für eine gewaltsame Demonstration ist bei uns freilich, die Teilnahme von Raufbolden und solchen Leuten, die genug von Fernsehabenteuern haben und selbst einmal „auf die Pauke hauen“ wollen. Sie sind es, die sich am schnellsten zu folgenschweren Affekthandlungen hinreißen lassen.

Bedenklicher stimmt es schon, wenn sich in Parlamenten und im Bundestag tumultartige Szenen ereignen, in deren Verlauf Worte fallen, die unter Arbeitern der Grund für eine Schlägerei sein könnten. Welches Bild soll sich der unterinformierte Bürger von seinen Politikern machen? Die Gefahr ist groß, daß die Politik nicht mehr ernst genommen wird.

Die Frage drängt sich auf, welche Rolle die deutsche Jugend im politischen Geschehen spielt und wie sie sich zu dem Phänomen Gewalt stellt; teilweise befürwortet sie die Taten von Guerillas und Tupamaros und würde die Gewalt, als Mittel zur Änderung negativer gesellschaftlicher Zustände, auch im eigenen Lande nicht ablehnen. Andere sind noch verwirrt und handlungsunfähig wie das Kaninchen gegenüber dem Schlangenbiß. Die Mehrheit der politisch interessierten Minderheit aber zieht sich zurück, widmet sich der heilen Welt der Privatsphäre und taucht nur gelegentlich als Zwischenrufer oder kurze Zeit als Mitläufer aus der Anonymität der Masse auf Bei Betrachtung des Status quo in der politischen Arbeit, durfte das Verhalten der letzten Gruppe das pragmatischste sein.

Politische Arbeitsgruppen, zudem noch unterteilt in ideologische Untergrüppchen und Freundescliquen, werden stets eine Minderheit bilden. Auf Grund organisatorischer Mängel sowie fehlender finanzieller und technischer Möglichkeiten werden sie nie ein permanentes Sprachrohr öffentlicher Information und Kritik sein. Ihnen fehlt die Courage zur Selbstkritik und die Methodik bei der Öffentlichkeitsarbeit; denn durch irgendwelche mit Fremdwörtern verzierte Argumente, die meist nur die Probleme der kritisierenden Gruppe ansprechen, kann man den deutschen Wohlstandsbürger nicht aus seiner Reserve locken.

Da gelingt es radikalen Gruppen schon eher, ein wenig Aufsehen zu erregen; denn Gewalthandlungen gegen den Staat passen nicht in das Bild, das sich der Bürger von diesem Lande macht. Ich sagte übrigens bewußt „Aufsehen“, weil mir einige Fälle bekannt sind, wo Jugendliche aus reinem Geltungsbedürfnis auf die Straße gehen und unter Bekannten damit protzen, daß sie sich eigens eine Demonstrationskleidung zugelegt hätten.

Fest steht: politische Arbeit, konsequent durchgeführt, ist eine trockene und zerreibende Angelegenheit. Einmal fehlt den meisten das Interesse, zum anderen werden sie in ihrem Arbeitsprozeß so stark gefordert, daß nur wenige die Energie aufbringen, nach einem acht- bis zehnstündigen Arbeitstag noch effiziente politische Tätigkeiten zu vollführen.

Meine Alternative ist: Man soll eine verantwortungsbewußte und kritische Jugend erziehen, die bereit ist, ihre von Geburt an vorhandenen Grundrechte wahrzunehmen, und damit auf legaler Ebene politisch tätig zu sein. Diese Worte könnten aus einer Länderverfassung stammen. Doch es wäre grundfalsch, an Hand von Beispielen, die Effizienz dieser Gesetzesworte zu bezweifeln. Entscheidend ist, was in naher Zukunft getan werden kann: Die politische und ökonomische Bildung darf nicht länger Stiefkind unserer Schulerziehung sein. Politische Ideologisierung nach rechts oder links durch den Lehrer muß vermieden werden, da sie meistens die Ursache für Intoleranz gegenüber Andersdenkenden ist. Den Schülern müssen zu guter Letzt ausreichend Stunden zur Verfügung gestellt werden, damit nicht nur aktuelle Diskussionen, sondern was wichtiger ist, Unterweisungen über die Methodik der Problemanalyse, die Empirik und andere Möglichkeiten der sachgemäßen politischen Arbeit praktiziert werden können.

Erst dann wird dem einzelnen bewußt, daß er Teil einer breiten verantwortungsbewußten Schicht ist, gewinnt er die Gewißheit, mit seinen Argumenten nicht ins Leere zu stoßen. Die Gruppen, die dann noch aus rationalen Gründen resignieren oder radikal werden, dürften Randerscheinungen bleiben. Andreas Jordan