Wer ein Auto hat, muß Steuern dafür zahlen; auch in Frankreich. Es geht dabei recht einfach zu. Der Bürger betritt ein Café, das überm Eingang durch das Abbild einer Zigarre gekennzeichnet ist. Diese Zigarre sagt: Hier kann man außer den Sachen, die es sowieso in einem Café gibt, Rauchwaren und Streichhölzer bekommen. Da aber die Zigarren- und Zigarettenproduktion Staatlich ist, verlangt der Staat von dem Kaffeehausbesitzer, der am Nikotin Geld verdient, daß er ohne Gewinn noch andere Sachen verkaufe: Freimarken, mit denen man Briefe frankiert, Strafmarken, die man auf die Zettel klebt, die von den Polizisten hinter den Scheibenwischer geklemmt werden. Die Adresse des Polizeipräfakten steht schon gedruckt auf diesem Zettel, der in den nächsten Briefkasten – gesteckt wird. Und: Ja, was war es noch, was man außerdem, im Café mit dem Zigarrensymbol kaufen kann oder gar kaufen muß?

Die Vignette! Das hätte ich doch bald vergessen. Bürger, die ein Auto haben, müssen auch eine Vignette haben: ein: papierenes Beweisstück, daß sie die Autosteuer für ein Jahr bezahlt haben. Sie brauchen, wie gesagt, nur ins Café zu gehen. Wie aber, wenn sie nicht hingehen? Wenn sie es vergessen?

Daß die: französischen Bürger besonders vergeßlich, sind, ging kürzlich aus einem Artikel in der ernst zu nehmenden Zeitung „Le Monde“ hervor. Dort schrieb ein prominenter Mann, die Franzosen seien aus Prinzip dem Staate feind (egal, welche Form er habe), sie gäben nur widerwillig und schweren Herzens, was er verlange; sie gäben es mit Murren und im Zorn; und sie gäben überhaupt nur, wenn es nicht anders ginge. Aber umgekehrt sei ihr Verhalten, wenn sie etwas vom Staate forderten: Sie verlangen alles vom Staat, alles!

Dies wurde nicht im Zusammenhange mit der Vignette gesagt, doch handelt es sich um eine Erkenntnis, die auch in diesem Falle weiterhilft: Im November, der bekanntlich ohnehin ein trauriger Monat ist, liegen die neuen Vignetten in den Tabak-Cafés aus. – Im September war das alte Vignetten-Jahr abgelaufen. In der Zeit zwischen diesen Terminen haben Polizisten, assistiert von Steuerbeamten, Autos über Autos angehalten: „Bitte, Monsieur, bitte Madame, dürfen wir Ihre Vignette sehen?“

Ja, da hat sich denn herausgestellt, welch ein vergeßliches oder sparsames Volk die Franzosen sind. Der Schaden, den der Staat davon hatte, ging in die Millionen neue Francs.

Was nun? Giscard d’Estaing, der Frankreichs Finanzminister und ein energischer Mann ist, beschloß, das Übel an der Wurzel zu packen. Nicht nur, daß er sich gern englisch kleidet, er richtete seinen Blick nach England, das offenbar auch in seinen Augen keine Insel mehr ist. Dort müssen die Autofahrer deutlich zeigen, daß sie eine Vignette haben: weithin sichtbar an der Windschutzscheibe. Obwohl dieses Beispiel nicht dazu angetan ist, die Sympathie für die britischen Nachbarn, an der es in Frankreich leider hapert, zu stärken, hieß es plötzlich: So wie die Engländer werden es auch die Franzosen machen. Vignette an der Scheibe! Doch ehe das klassische Murren gegen den Staat sich zu Zornausbrüchen auswachsen konnte, schlug die Stimmung um.

Monsieur, Madame, urteilen Sie doch selber: Zum Kleben, da braucht der Staat ja Leim. Und Leim kostet viel Geld, wenn’s schon zu spät ist. Wie kriegt der Staat die Vignetten, die schon ausgedruckt sind, an die Windschutzscheiben seiner Bürger, wenn er das ganze Druckverfahren nicht wiederholen will? Man wird doch nicht von den Bürgern verlangen, daß sie aus eigener Tasche Leim und Pinsel kaufen und aus eigener Kraft die Vignette bestreichen? Lachhaft! Der Staat hätte eben rechtzeitig an die Möglichkeit einer klebrigen Oberfläche der Vignette denken können. Was haben Staatsbeamte denn sonst im Kopf, wenn nicht einmal Leim?