Der Mord an dem Arbeitsminister der Provinz Quebec, Pierre Laporte, hat in ganz Kanada Empörung und Bestürzung ausgelöst. Am Wochenende war Laporte, den eine Zelle der „Befreiungsfront für Quebec“ (FLQ) am 10. Oktober entführt hatte, in der Nähe Montreals erschossen im Kofferraum eines Autos gefunden worden. Weiter ungewiß bleibt das Schicksal des britischen Handelsbeauftragten James Richard Cross, den die FLQ am 5. Oktober entführt hat.

Trotz schwerer Bedenken billigte das Bundesparlament in Ottawa den Beschluß von Premierminister Trudeau, das Kriegsrecht zu verhängen. Truppen und Polizei durchsuchen die Provinz und vor allem die 2,5-Millionen-Stadt Montreal nach FLQ-Angehörigen, Waffen und dem Versteck, in dem Cross gefangen gehalten wird. Über 300 Personen wurden vorübergehend festgenommen, die Polizei fahndet nach zwei Männern, die des Mordes an Laporte verdächtig sind. Ottawa hält sein Angebot aufrecht, den Entführern freies Geleit nach Kuba im Austausch gegen Cross zu gewähren. Weitere Bedingungen der Kidnapper lehnte die Bundesregierung ab.

Die Aktionen der militanten FLQ, der kaum mehr als hundert Aktivisten angehören sollen und die mit rund 2000 Sympathisanten rechnen kann, haben die über 100 Jahre alten separatistischen Bestrebungen der Provinz Quebec wieder in den Vordergrund gerückt. Von den knapp 6 Millionen Bewohnern der Provinz, die etwa so groß ist wie Westeuropa, sind 4,5 Millionen Frankokanadier. Sie sprechen ein veraltetes Französisch, wehren sich gegen die „englische Vorherrschaft“ – das ursprünglich französische Quebec wurde 1763 von den Engländern in Besitz genommen – und bezeichnen sich selbst als „weiße Neger“ Kanadas.

Im Vergleich zur englisch sprechenden Nachbarprovinz Ontario lag die Arbeitslosigkeit stets zwischen 3 und 6 Prozent höher; die Differenz des Pro-Kopf-Einkommens zu dem des benachbarten Bundesstaates verschlechterte sich von 73 Dollar im Jahre 1940 auf 555 Dollar im vergangenen Jahr. Zur Zeit beträgt die Arbeitslosigkeit 9 Prozent; 45 Prozent aller kanadischen Arbeitslosen sind Frankokanadier.

Die anhaltende Terrorwelle ist eine Antwort auf die verstärkten Bemühungen der Regierung in Ottawa, Quebec nachhaltig zu fördern. Ende April gewann die Liberale Partei bei den Provinzwahlen 72 der 108 Sitze. Die vorher regierende Union Nationale büßte ihren Flirt mit dem Separatismus mit dem Verlust von – 38 Mandaten. Die neue separatistische, aber legale Parti Quebecois unter dem ehemaligen Liberalen Pierre Levesque errang auf Grund eines veralteten Wahlsystems bei knapp 24 Prozent Stimmen nur 7 Parlamentssitze.

Lévesque, Trudeau und der neue Premierminister von Quebec, Robert Bourassa, arbeiten trotz unterschiedlicher Standpunkte bei der Entwicklung und Förderung Quebecs eng zusammen. In dem halben Jahr nach den Provinz wählen stiegen die Bundesinvestitionen erheblich an. Noch wichtiger war das psychologische Moment der Hilfsaktionen: den Behauptungen der Separatisten, Quebec sei die „vergessene Provinz“, wurde zunehmend der Wind aus den Segeln genommen. Diese Entwicklung ist durch die Terroraktionen der FLQ empfindlich gestört worden.