Mit einem Spezialauftrag wird am 26. Oktober 1970 eine Gruppe amerikanischer Raumfahrtexperten nach Moskau reisen. Die Amerikaner wollen mit sowjetischen Fachleuten ein erstes Gespräch über die Möglichkeit führen, die Chancen für verunglückte Astro- oder Kosmonauten im Weltall entscheidend zu erhöhen. Man will sich darüber unterhalten, ob man nicht die Kopplungssysteme an amerikanischen und russischen Raumschiffen und eventuell auch an Raumstationen normen soll. Auf diese Weise könnte ein Rettungsfahrzeug der Vereinigten Staaten sowjetische Kosmonauten aus einer verunglückten Raumstation retten, oder die Sowjets könnten havarierte US-Astronauten in Sicherheit bringen.

Bis jetzt war eine solche Möglichkeit nur bedingt gegeben. Man hätte sich zwar wechselseitig unter bestimmten Umständen Hilfe bringen können. Doch die Verunglückten hätten jeweils durch den freien Weltraum umsteigen müssen – ein Manöver, das schon bei intakten Raumschiffen sehr schwierig zu unternehmen ist und eine besondere Ausrüstung für das Überwechseln durch den freien Raum voraussetzt. Falls ein verletzter Astronaut gerettet werden müßte, käme eine solche Methode ohnehin nicht in Betracht.

Die neue Initiative auf dem Gebiet der Weltraumrettung kommt nicht von ungefähr. Sie war von dem amerikanischen Luft- und Raumfahrt-Mediziner Professor Harald von Beckh auf dem "XXI. Internationalen Astronautischen Kongreß" in Konstanz angeregt worden. Beckh schlug außerdem vor, bestimmte Satellitenfrequenzen für Weltraumnotrufe freizuhalten. "Was auf den Weltmeeren selbstverständlich ist", meinte der Mediziner, "das sollte auch im Weltraum möglich sein."

Leider blieb der erste Schritt in Richtung auf eine Ost-West-Kooperation in der bemannten Raumfahrt auf dem Treffen der Internationalen Astronautischen Föderation am Bodensee auch der einzige. Zwar erklärte sich der Kommandant des havarierten Raumschiffes "Apollo 13", Jim Lovell, auf dem Kongreß unumwunden bereit, auch unter sowjetischem Kommando ins All zu starten. Doch der ebenfalls anwesende Chef der sowjetischen Kosmonauten, General Andian Nikolajew, konnte sich reicht zu einer so großzügigen Haltung verstehen. Er antwortete auf eine diesbezügliche Frage diplomatisch, daß die psychologischen Merkmale und die Führungsqualitäten den Ausschlag geben sollten, nicht aber die Nationalität.

Nach der Kooperationsmöglichkeit bei der nächsten Etappe der bemannten amerikanischen Raumfahrt, dem Start der kleinen Raumstation "Skylab", befragt, gab man auf russischer Seite sogar vor, von diesem Unternehmen überhaupt noch nicht gehört zu haben.

Man konnte sich auch am Ende des Kongresses, der vom 5. bis zum 10. Oktober annähernd 1000 Raumfahrtfachleute aus aller Welt in die Bodensee-Metropole gebracht hatte, des Eindrucks nicht erwehren, daß es in der bemannten Raumfahrt noch lange nicht zu der wünschenswerten großangelegten Kooperation im All kommen wird. War vor drei Jahren auf dem "18. Internationalen Astronautischen Kongreß" in Belgrad noch die Rede von gemischten Besatzungen auf Raumstationen, so sprach jetzt, da der Start dieser Stationen in Ost und West vor der Tür steht, niemand mehr die Erwartung aus, daß sie von Amerikanern und Russen gemeinsam bemannt werden könnten.

Kein Wunder, daß sich auch die prominentesten Vertreter der amerikanischen Raumfahrt pessimistisch äußerten. So meinte Dr. Ernst Stuhlinger, der lange Jahre für alle Zukunftsprojekte der NASA verantwortlich war und heute stellvertretender Leiter der Marshall Space Flight Center ist, im persönlichen Gespräch: "Ich glaube nicht, daß wir zu einer Zusammenarbeit kommen. So, wie es heute aussieht, muß man damit rechnen, daß selbst der bemannte Vorstoß zu den Planeten von beiden Seiten getrennt ausgeführt werden wird." Stuhlinger meinte auch, man solle die finanzielle Krise der NASA nicht überbewerten. Er rechnet damit, daß die amerikanische Luft- und Raumfahrtbehörde schon in zwei bis drei Jahren wieder über mehr Geld verfügen wird als heute und daß der bemannte Marsflug der Amerikaner prinzipiell nicht in Frage gestellt ist. Nach Stuhlingers Angaben werden in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre zwei bis drei bemannte Raumschiffe im Geschwaderflug zu unserem rötlich schimmernden Nachbarplaneten starten. Der Mehrfachstart wird notwendig, um den Marspiloten bei Verlust eines Raumschiffes eine gute Überlebenschance zu geben.