Wer die Kursveränderungen an den Weltbörsen im September verfolgt und die bisherige Entwicklung im Oktober berücksichtigt, wird unschwer herausfinden, daß es zur Zeit nirgends ein „gelobtes Land“ für Aktionäre gibt. Fast alle Länder kämpfen um die Währungsstabilität, und fast überall steigen die Löhne und Preise, weniger (und vielfach überhaupt nicht) als die Gewinne der Unternehmen.

In den USA scheint die Aufwärtsbewegung zum Stillstand gekommen zu sein. Das erste Pulver der Anleger ist verschossen, jetzt warten sie darauf, daß ihr Optimismus durch steigende Gewinne gerechtfertigt wird. In dieser Beziehung hat es in den letzten Wochen aber einige Enttäuschungen gegeben. Die ungünstige Aufnahme des amerikanischen Friedensplans für Vietnam durch die Kommunisten sowie ein voraussichtliches Budget-Defizit von 12 Milliarden Dollar drücken in Wall Street auf die Stimmung. Wall Street Journal sagt weitere negative Nachrichten voraus: Rückgang der Industrieproduktion und geringere Zunahme der privaten Einkommen.

Deutsche Anleger (hauptsächlich Fonds), die sich in den vergangenen Monaten stärker in US-Aktien engagiert haben, wollen den nächsten Rückschlag abwarten, ehe sie weitere US-Aktien erwerben. Den Hinweis auf die gegenüber den deutschen Standardwerten viel ungünstigeren Preis/Gewinn-Verhältnisse bei den US-Aktien tun sie mit der Begründung ab: Regierung und Notenbank in den USA sind eher zum Ankurbeln der Wirtschaft bereit als bei uns. In der Bundesrepublik wird noch längere Zeit gebremst werden müssen.

In London gab es in den letzten Wochen feste Börsen. Dahinter stand die Erklärung der Konservativen, alles daran setzen zu wollen, die gefährliche Lohn-Preis-Spirale zu stoppen. Dazu gehört in England vor allem eine Reform der Gewerkschaftsbewegung, weil die zur Zeit auf Partikularinteressen ausgerichtete Gewerkschaftspolitik den Inflationsdruck erhöht, Rationalisierungserfolge vereitelt und Wachstumsraten herabdrückt. Dazu die Bayerische Hypotheken- und Wechsel-Bank in einer Prognose: Nur wenn sich überraschenderweise eine langatmige Kraftprobe verhindern ließe und ein vernünftiger Kompromiß zustande käme, wäre eine Hausse in englischen Aktien fundamental gerechtfertigt. – Bei den heutigen Kursen muß man vorsichtig sein.

Und wie steht es in Frankreich? Holländische Experten glauben, daß in den französischen Kursen noch ein gewisses Wachstumspotential vorhanden ist. Die Regierung in Paris hat ihren Fuß bereits auf dem konjunkturellen Gaspedal.

Die Schweizer Börse, die manche gute Monate hinter sich hat, tritt jetzt auf der Stelle. Schweizer Bankiers verstehen es glänzend, die ihnen mehr denn je aus der Bundesrepublik zufließenden Gelder von ihren eigenen Wertpapiermärkten fernzuhalten. An einer Überhitzung ihrer Börsen ist ihnen nicht gelegen. K. W.