„Eine deutsche Art zu lieben“, von Alexander und Margarete Mitscherlich. Es handelt sich bei diesem zweiten Bändchen der neuen „Serie Piper“ um einen nahezu unveränderten Abdruck des einleitenden Kapitels aus dem vor drei Jahren erschienenen, erstaunlich erfolgreichen Buch „Die Unfähigkeit zu trauern“. Hinzu kamen ein paar Sätze über den innerdeutschen Hader als Beispiel für das Wirken unbewußter Projektionen in der Politik und eine Fußnote, die vermeldet, daß der Lübkesche Fauxpas gegenüber Klara Faßbinder von seinem Amtsnachfolger Heinemann korrigiert wurde. Dem Verlag scheint dies zu genügen, um von einem „überarbeiteten und erweiterten“ Neudruck zu sprechen. Sogar das Vorwort wurde unverändert übernommen; da steht weiterhin „die Abhandlungen dieses Buches“, obwohl von den acht Abhandlungen nur eine einzige übernommen wurde. Wirklich neu ist ein Nachwort, das eine höchst lehrreiche Nutzanwendung auf die Tagespolitik, genauer auf die Ostpolitik der Bundesregierung zieht. Dieses Nachwort ist wichtig, weil es den Autoren hier gelingt, ihre Einsichten über den Zusammenhang von Schuld Verdrängung und Realitätsverleugnung als den Leitlinien bisheriger Ostpolitik in der klaren und einfachen Sprache eines politischen Leitartikels zu formulieren und damit aus der psychoanalytischen Fachdiskussion auszubrechen. Sie schreiben: „Die Autoren dieser Abhandlung hat ein Phänomen seit der Niederschrift besonders beeindruckt: Politiker sind offenbar, wie andere Menschen auch, dort nicht lernfähig, wo ihre neurotischen Selbstschutzmechanismen ins Spiel eintreten.“ Immerhin sei mit der Wahl eines Emigranten zum Bundeskanzler „ein neues Plateau der Selbstwahrnehmung erreicht“ (sie meinen wahrscheinlich: potentiell). Auch lassen Umfrageergebnisse einen Wandel des politischen Illusionismus erkennen; die Zahl derer, die an eine Rückkehr der Ostgebiete glauben, hat in den letzten 15 Jahren kontinuierlich abgenommen – ein neuer Pragmatismus, der freilich vielfach mit der „Ausblendung aller Geschichtstiefe“ erkauft wurde. Wäre dieser Meinungsumschwung, der neuerdings auch die CDU sichtlich nervös macht, nicht nur träges Sichabfinden mit der Unerfüllbarkeit von Wünschen, die in Zeiten wirtschaftlicher Prosperität an Dringlichkeit verlieren, in Krisenzeiten aber wieder zu abenteuerlichen Kompensationen eines beschädigten Selbstgefühls drängen könnten – wäre er wirklicher Einsicht entsprungen, so könnte man der politischen Zukunft der Bundesrepublik hoffnungsvoll entgegensehen. „Jeder, der sich um die Genauigkeit der Beobachtung seiner selbst und seiner Welt bemüht, handelt damit auch politisch“, sagen die Autoren. (R. Piper & Co. Verlag, München; 119 S., 6,– DM).

Hans Krieger