Bad Nauheim

Seit dem vergangenen Sonntag hat der gelernte Kellner Adalbert S. angenehme Erinnerungen an die Kunst. Adalbert S., wegen schweren Raubes zu zwei Jahren Freiheitsstrafe verurteilt, saß nämlich einen Tag zuvor noch in der Arrestzelle der Haftanstalt Frankfurt-Preungesheim, weil er eines Abends von der Arbeit in einer Möbelfabrik betrunken in die Zelle zurückgekehrt war.

Die Anstaltsleitung zeigte sich jedoch großzügig: Schon nach drei Tagen durfte der Promille-Sünder die harte Pritsche im Arrest verlassen, in der Kleiderkammer den Zivilanzug empfangen und gemeinsam mit weiteren 23 Auserwählten in einem angemieteten Omnibus nach Bad Nauheim schaukeln, um dort eine bundesweit beachtete Premiere zwischen Kunst und Knast zu erleben.

Der Außenseiter der Kunst empfing die Außenseiter der Gesellschaft, ohne daß die sich im Park, sonnenden Kurgäste sonderlich Notiz davon genommen hätten. Im vornehmen Kurhaus des hessischen Staatsbades: Heinz Günther Varell, oft gerühmter und zugleich kritisierter abstrakter Maler, der an diesem Tage mit 35 seiner Werke eine Ausstellung eröffnete. Zur Vernissage, hatte er das hessische Justizministerium vor einiger Zeit wissen lassen, möchte er auch gern einige Häftlinge begrüßen. „Denn“, so erläutert Varell, „die Kunst hat auch ideelle Werte und muß jedem zugänglich sein.“

Während der Bad Nauheimer Kurdirektor den Plan skeptisch beurteilte und eine Frankfurter Zeitung ihre Leser mit der Schlagzeile „Zuchthäusler zur Kunstausstellung“ schockte, zeigte sich Justizminister Karl Hemfler begeistert. Ohne Rücksicht auf die Erfahrung, daß Experimente und Reformen im Strafvollzug vom Wähler nur selten honoriert werden, ließ er für Varells Ausstellung in Preungesheim 24 und in den beiden hessischen Jugendstrafanstalten je fünf Häftlinge auswählen, nach Vorbildung und Intelligenz und nicht nach Wohlverhalten, wie die Anstaltsleiter ausdrücklich beteuern, und kam persönlich zur Festrede ins Kurhaus. „Die Beschäftigung mit der Kunst, die schöpferische Tätigkeit“, sagte der Minister, „hat ihren besonderen Wert in dem Bemühen, dem Straffälligen zu helfen, sich von den Ursachen des Fehlverhaltens zu befreien“, auch wenn diese Hilfe vielleicht nur bescheiden sei.

„Die Personen, die in eine Konfliktsituation mit der Gesellschaft geraten sind“ (Hemfler), standen derweil inmitten der überwiegend „explosiven“ Bilder schweigend und ein wenig verlegen wie Kinder, die nicht wissen, ob sie weglaufen oder verharren sollen. Nur gelegentlich warf einer von ihnen fast schüchterne Blicke auf die Bilder, obwohl zumindest die Titel mancher Werke („Ich klage an“ – „Die Hoffnungslosen“ – „Irrwege“) eine Beziehung zum eigenen Schicksal hätte provozieren können.

Erst später, als Apfelwein und Traubensaft gereicht wurden, löste sich allmählich die Verkrampfung. „Wissen Sie“, meinte ein wegen Betruges Verurteilter, „ich bin ein aufsässiger Bursche, ein harter Kritiker der Ungerechtigkeiten im Strafvollzug. Aber das hier“ – und er deutete auf die Varellschen Farb-Kompositionen, „das ist einfach prima. Endlich ein Anfang, uns echten Kontakt mit dem Leben in Freiheit zu verschaffen/