München Bis zum 3. Januar 1971, Haus der Kunst: „Paul Klee“

Paul Klee – Geigenspieler, Marionettenliebhaber, Bauhausmeister und theoretischer Kopf dazu – hat nicht ungestraft gelegentlich orphische Sentenzen geschrieben: Er ist. zum Pater Seraphicus der modernen Malerei avanciert. In mehr als neun Chören umringen die Engel der Interpretation sein Werk und intonieren machtvoll immer neue Variationen über seinen Orakelspruch „Diesseitig bin ich gar nicht faßbar...“. Das hat zum Ergebnis, daß das exegetische Auge nicht auf Klees Arbeiten blickt, sondern durch sie hindurch auf einen geheimnisvollen Fond, der den Bildern Leben verleiht. In gewählten Feiertagssätzen wird dem Künstler attestiert, daß er das Universum in Zeichen gefaßt, die Welt entstofflicht habe und dergleichen mehr. Kronzeuge für diese bedeutungsvollen Erklärungen ist eine andere, bereits als Abitursthema vereinnahmte Äußerung Klees: „Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar.“ Klees – mit Verlaub – Binsenwahrheit impliziert jedoch ohne jeden Zweifel, daß das Wie erst Rückschlüsse erlaubt auf das Was. Mit anderen Worten: Die Entzifferung seiner Zeichensprache ist notwendige Voraussetzung für die Interpretation seiner Bilderwelt. Die Frage ist nur, ob man sich dabei der von Klee selbst offerierten theoretischen Krücke bedienen soll – oder sich mehr an den optischen Befund halten. Die Ausstellung versucht einen Mittelweg einzuschlagen: Ausgehend von Klees bildnerischen Überlegungen, bemüht sie sich, Werkgruppen in seinem Œuvre aufzuzeigen, die sein Kreisen um bestimmte Gestaltungsprinzipien belegen. Die Gelegenheit allerdings, einmal behutsam didaktisch auf die Zusammenhänge zwischen Theorie und Praxis in Klees Schaffen hinzuweisen, bleibt ungenützt: gehängt ist das Ganze, wie üblich im Haus der Kunst, nach Nummern – ein paar Zwischentexte hätten da viel geholfen! Gezeigt wird diesmal nicht nur viel, sondern auch in der Substanz ausreichendes Material; der breitgefächerte Überblick ermöglicht dem Besucher, die formale Komponente von Klees Problemstellungen und -lösungen ausgiebig zu studieren. Vorausgesetzt, er ist unbefangen genug, zunächst einmal Striche, Farbflächen und Bildstrukturen zu sehen – und nicht gleich kosmische Symbole. Helmut Schneider