Von Birgit Kraatz

Die moderne Mafia ist nicht mehr wie die sizilianische vor zwanzig Jahren und die amerikanische Sippe hierarchisch gegliedert. Die moderne Mafia kennt die preußisch-strenge Vertikalstruktur und militärische Rangordnung der Cosa Nostra nicht, über die das FBI zum erstenmal vor 1963/1964 von Joseph Valachi erfuhr. Der mächtige Familienboß (einer der sechs mit Sonderkompetenz) brach als erster Mafiachef die omertà und „sang“ der Polizei seine dreißigjährige Geschichte, als er den von seinen Oberbossen (Lucky Luciano, Vito Genovese) geschickten Killer schon unweit seiner Zelle im Gefängnis wähnte. In der Aussage Valachis heißt es:

„Wir haben den Chef, den Vizeboß und den caporegima ... jeder capo hat einen Leutnant. Das Heer der vielen Soldaten kennt seinen Boß nicht. Lucky Luciano stellte über jede der sechs Familien eine Sechsergruppe consigliori. Sie hatten über die Geschäftspolitik innerhalb der Familie zu entscheiden und Differenzen, schlichten. Von 1954 an durften dann nur noch reinrassige Mafiosi (italienischen Ursprungs voll beiden Elternteilen) der Großfamilie angehören.“

Onorevole Francesco Cattanei, Präsident der parlamentarischen Antimafia-Kommission in Rom, ist der Ansicht, daß die Mafia heute in zwei Gruppen zerfällt: die „Mafia manovranza“ (etwa zehntausend Mitglieder) und die „Mafia dirigente“ (einige hundert Bosse). Bei dem tief verwurzelten italienischen Hang zur Familie klappt die Zusammenarbeit von Ober- und Unterschicht auch ohne straffe Regimentsordnung. Es gibt keine absolute Führungsspitze, die auf Generalversammlungen neu gewählt würde.

Regionen und Ressorts arbeiten parallel. Die kalabresische Mafia operiert im altmodisch sizilianischen Stil, unabhängig von der sizilianischen, obwohl sie aus dem gleichen sozialen Milieu wie die Inselmafia wuchs. In Reggio Calabria tagte der einzige Mafiakongreß im Stile der italoamerikanischen Gipfelkonferenz (Palermo 1957, Hotel delle Palme) der je wieder bekannt wurde. Tagungsthema der 150 Kongreßteilnehmer, die etwa sechzig Carabinieri in den Bergen von Aspromonte am 26. Oktober vorigen Jahres aufscheuchten: Generationsprobleme. Junge Mafiosi beklagten sich, nicht länger immer nur die schmutzigen Geschäfte (Honorar für eine Leiche: fünfzigtausend Lire, für eine Brandstiftung: zehn bis zwanzigtausend Lire), sondern auch einmal die feinen, Geld einbringenden affari machen zu dürfen.

Die ins Management vordrängende junge Mafiagarde hatte sich in Sizilien bereits im Bandenkrieg (Höhepunkt 1962, 1963) durchgesetzt. Sie rückte über jährlich hundertzwanzig Leichen in Palermo in die neue Spitzenposition vor. Das Killerkommando schickt sie heute im alten Chikagostil nur noch selten aus. Zum erstenmal nach dem Anschlag von Ciaculli (1963) schossen sie wieder wie Al Capone am 10. Dezember 1969 in der Via Lazio 108 in Palermo. Dort gab es an diesem Abend eine alte Rechnung zu begleichen, Don Michele Cavatoj, nur für diesen Abend aus Rom angereist, jahrelang überzogen hatte. Don Michele, seine beiden Söhne und zwei weitere Männer wurden erschossen.

Das Top-Management freilich sieht solche Betriebsunfälle nicht gern. Blutlachen beeindrucken die Öffentlichkeit zu sehr, und Alarm stört auch die Geschäfte auf höchster, also internationaler Ebene. Die „societä onorata“ nutzte die moderne Völkerwanderung, die ihr half, ihre Filialen in positionswichtigen Ländern aufzuziehen. In Südfrankreich geht die korsische Mafia, der sizilianischen weitläufig verwandt, zur Hand. Ein deutscher Zweig, so wird in einem unveröffentlichten Untersuchungsbericht der parlamentarischen Antimafiakommission vermutet, wurde mehr von türkischen als von sizilianischen Gastarbeitern als Stützpunkt aufgebaut. Hingegen haben kalabresische Auswanderer Mafiakeime in Australien angepflanzt.