Berlin, im Oktober

Ihr unterscheidet euch in euren Uniformen und in der Sprache. Doch ihr seid einig im Denken und Handeln, denn: Klassenbrüder sind Waffenbrüder! An dieser Einheit wird jeder Feind zerschellen. So ist das im Sozialismus, und gemeinsam werden wir dafür sorgen, daß es immer so bleibt.“ So sprach der dreifache Aktivist und Bergmann Alfons Topel auf dem Altmarkt von Cottbus zu den angetretenen Ehrenformationen: aus den sieben Ländern des Warschauer Paktes, Und Politbüromitglied Erich Honecker beantwortete in einer Ansprache an die „Genossen Soldaten, Unteroffiziere, Offiziere, Generale und Admirale der vereinten Streitkräfte der Organisation des Warschauer Vertrages“ die Frage, warum von Entspannung so gar nichts zu spüren sei, mit seiner Ansicht: „Niemand kann doch übersehen, daß Westdeutschland weiterhin als Hauptbasis zur Verwirklichung der amerikanischen Globalstrategie in Europa ausgebaut wird.“

Also zogen die Streitkräfte ins größte Manöver, das je in der DDR stattgefunden hat. Zuvor hatten sie allein zwei Wochen für ihren Aufmarsch in der DDR benötigt. Die Sender der DDR brachten Marschmusik und Soldatenchöre – „Ach, Erika, vergiß nicht den Soldaten“. Vom Montag bis zum Sonntag vergangener Woche dauerten dann die fingierten Kampfhandlungen, bei denen die Vernichtung feindlicher Luftlandeeinheiten, die Überquerung eines breiten Flusses, die Landung von See- und Luftstreitkräften, die Bildung eines Brückenkopfes an der Küste und schließlich der weitere Vormarsch und die Zerschlagung feindlicher Verbände geübt wurde. Armeegeneral Heinz Hoffmann leitete das Manöver, ihm zur Seite stand Marschall Jakubowski.

„Klassenbrüder – Waffenbrüder – vereint unbesiegbar! Dem Feind keine Chance!“ lautete das Motto des Manövers. Die Militärberichterstatter hatten ihre große Zeit: „In breiter Linie rollen Panzereinheiten, zur vollen Gefechtsbereitschaft entfaltet, über das Manöverfeld. Links sowjetische Gardisten aus einem berühmten Verband, kampferprobt und darauf verschworen, den Ruhm der Väter; Sieger von Stalingrad und Berlin, zu mehren.“ Die Soldatenzeitung Volksarmee wußte zu berichten, daß alles mit einer „Präzision bis zum I-Punkt“ geplant und befolgt wurde. „Was bisher schon auf Minuten genau ablief, wurde auf die Sekunde präzisiert, auf den Meter exakt, auf die Drehzahlen der Motoren im zweiten Gang... Sie saßen, berieten, suchten Lösungen. Jeder ein Kommunist, jeder vertraut mit Lenins Lehre, verkörperten sie ein Stück sozialistischer Militärkoalition, getragen von gleichen Klasseninteressen, gleichen politischen Zielen.“

Auch Walter Ulbricht steuerte einiges zum Manöver bei der Abschlußkundgebung in Magdeburg bei. Er betonte, daß „auf dem Gebiet des heutigen sozialistischen Staates der deutsche Militarismus und Imperialismus mit der Wurzel beseitigt“ wurde. Die Bundeswehr dagegen probe „die Aggressionsvarianten gegen die sozialistischen Länder, vornehmlich gegen die DDR“. J. N.