Im Bildungsbericht werden für das Jahr 1980 eine Million Studenten prognostiziert. Das bedeutet; In zehn Jahren muß es dreimal so viele Studienplätze wie heute geben. Das heißt weiter: Die Bildungsausgaben müssen drastisch erhöht werden. Einen bisher nur selten diskutierten Aspekt der geplanten Bildungsexplosion untersucht Professor Kurt Sontheimer, Politikwissenschaftler an der Universität München, vormals Berlin: Wie verträgt sich "Bildung für alle" mit akademischem Eliteanspruch?

Die enorme quantitative Ausweitung unseres Bildungswesens, die bereits im Gange ist, wird; einerseits mit dem wachsenden Bedarf der industriellen Gesellschaft an akademischen Berufen gerechtfertigt, andererseits mit dem Hinweis, daß Bildung ein demokratisches Bürgerrecht sei. In der Tat war das höhere deutsche Bildungswesen bis in die letzte Zeit hinein elitär konzipiert, nämlich als Ausbildung einer führenden Schacht, vorwiegend rekrutiert aus der gehobenen Gesellschaft. Es ist darum ein wichtiger Schritt in Richtung auf eine Demokratisierung unserer Gesellschaft, daß das Prinzip der Chancengleichheit der Bildung von nun an stärker realisiert werden, wird als bisher. Aber es ist, so scheint mir, noch nicht genügend bedacht worden, daß mit der massiven Expansion des Bildungswesens auch die Zahl derer außerordentlich wachsen wird, die auf Grund ihres Bildungsganges Ansprüche auf Elitepositionen in der Gesellschaft erheben. Ob aber unsere Gesellschaft in der Lage sein wird, die Statusansprüche, die nicht zuletzt finanzieller Natur sind, auch zu befriedigen, ist keineswegs sicher. Der elitäre Anspruch, der bisher quasi automatisch mit einem akademischen Studium verbunden war und es in den Erwartungen derer, die auf die Universitäten drängen, noch immer ist, müßte also in dem Maße abgebaut werden, in dem die Bildungschancen sich demokratisieren, da die Elitepositionen der Gesellschaft prinzipiell begrenzt sind.

Wir leben zwar in einer dynamischen Gesellschaft, die ständig neue Berufe hervorbringt und deren Dienstleistungssektor, der sogenannte tertiäre Bereich, in Zukunft noch weiter anwachsen wird. Gerade in diesem Bereich, zu dem auch die Verwaltung und die Kulturindustrie gehören, werden. neben der Ausweitung des industriellen Produktionssektors sicherlich in wachsendem Maße Akademiker Verwendung finden. Aber es wäre falsch, anzunehmen, daß die Beschäftigungsstruktur der Bundesrepublik sich quasi automatisch nach dem Output an Universitätsabsolventen richten würde.

Noch immer muß man davon ausgehen – ohne deswegen Marxist zu sein –, daß bei einer Diskrepanz zwischen Ausbildungs- und Beschäftigungsstruktur die letztere das stärkere Gewicht haben wird. Zwar ist es denkbar, daß, nicht zuletzt durch politischen Druck, Sektoren der Beschäftigungsstruktur sich am das veränderte Ausbildungssystem einstellen müssen, und sicherlich wird vorerst ein Teil der Studierenden von der Expansion des Bildungswesens selbst absorbiert werden; aber auf längere Sicht gesehen ist es sehr die Frage, ob unser Wirtschafts- und Beschäftigungssystem flexibel genug sind, um den elitären Ansprüchen gerecht zu werden, die von den Absolventen des höheren Bildungssystems auch in Zukunft mit Sicherheit erhoben werden. Man darf sich darum nicht in der Hoffnung wiegen, die jetzt anvisierte Bildungsstruktur ließe sich ohne allzu große soziale Friktionen und Kollisionen in unser gesellschaftlich-ökonomisches Gesamtsystem integrieren.

Die Bildungsexplosion der siebziger und achtziger Jahre wird also nicht nur das Bildungssystem und seine Strukturen stark verändern, sie wird auch zu Anpassungsschwierigkeiten bei der relativ gut eingespielten Beschäftigungsstruktur führen. Die erste Konsequenz, die sich aus der Expansion vor allem der höheren Bildungseinrichtungen ergibt, ist darum die Leistungsdifferenzierung. Der allgemeine elitäre Anspruch, der bisher mit akademischer Ausbildung verknüpft war – mochte der einzelne Träger akademischer Titel ihm gerecht werden oder nicht –, kann in der angestrebten sozialen Breite nicht aufrechterhalten werden. Künftig wird es also weniger bedeuten, überhaupt studiert zu haben, sondern mehr darauf ankommen, wie und wo und was man studiert hat. Die geplante Gesamthochschule wird in sich differenziert genug sein müssen, um die totale Nivellierung der mit dem Studium heute noch verknüpften Ansprüche auf Elitepositionen zu vermeiden.

Es wird allerdings schwer sein, die mit der jetzigen Expansion der höheren Bildungseinrichtungen noch gekoppelten Nivellierungstendenzen zu steuern, aber es wird unvermeidlich werden, daß das Hochschulsystem für die abgestuften Bedürfnisse der Gesellschaft differenzierte Leistungskriterien entwickelt. Hält die gegenwärtige Tendenz vor, erscheint mir eine Krise der deutschen Bildungspolitik in ferner Zukunft unausweichlich. Sie könnte darin bestehen, daß das höhere Bildungswesen eine stetig steigende Zahl von Absolventen produziert, die sich durch ihr Studium für berechtigt halten, Elitepositionen in der Gesellschaft einzunehmen, daß aber diese Gesellschaft weder genügend solcher Positionen hat, noch bereit ist, alle Akademiker ihrem "erworbenen" Anspruch entsprechend zu honorieren.

Für die Lösung dieses Problems gibt es in der jetzigen Anfangsphase der Expansion noch keine praktikablen Wege. Aber es scheint mir wichtig, das Problem überhaupt zu sehen. Genauso wie wir rückblickend uns heute anklagen müssen, in Fragen der Hochschulpolitik seit den fünfziger Jahren geschlafen und keine Perspektive für die Zukunft unseres Bildungswesens gehabt zu haben, könnten wir heute in den Fehler verfallen, unser Bildungssystem zu demokratisieren, ohne gleichzeitig daranzugehen, den elitären Anspruch und Charakter des traditionellen Hochschulsystems abzubauen, der von einem System der chancengleichen Massenbildung nicht mehr ausgefüllt werden kann.

Keinesfalls kann es darum gehen, die jetzt endlich in Schwung kommende Bildungsreform und konstruktive Bildungspolitik wieder zu bremsen, denn Bildung ist in der Tat ein Bürgerrecht, das von allen, die sich als befähigt erweisen, in Anspruch genommen werden soll. Zu befürchten steht nur, daß wir die Tradition und die Ansprüche des aus einer vordemokratischen Ära stammenden Bildungsbürgertums in ein demokratisches System hineintragen, das sie nicht ohne Reibungen und Konflikte absorbieren kann. Höhere Massenbildung darf nicht mit einer elitären Ideologie betrieben werden. Der Ausweg aus dem Dilemma ist gewiß nicht die traditionelle Beschränkung der höheren Bildung auf eine sozialprivilegierte kleine Schicht, sondern der Abbau der elitären Ideologie und der mit ihr verbundenen Status-Erwartungen. Der Prozeß gegenseitiger Anpassung der Systeme wird nicht harmonisch vor sich gehen. Die Bildungsplaner und Bildungspolitiker sollten das Problem nicht übersehen, auch wenn es noch nicht aktuell ist. Es könnte ihnen eines Tages noch arg zu schaffen machen. Kurt Sontheimer