Die Friedensziele der Gegner im Vietnamkrieg

Von Karl-Heinz Janßen

Die Studenten sind müde geworden. Für Vietnam gehen sie nicht mehr auf die Straße, auch in Amerika nicht. Es gibt Tage, da steht in großen deutschen Zeitungen nicht eine einzige Zeile über den Krieg in Indochina. "Im Fernen Osten nichts Neues." Wen kümmert es noch, daß über Laos wieder die B 52 dröhnen? Wein rührt es noch an, daß in Vietnam täglich Kinder verstümmelt und getötet werden? Präsident Nixon und das Pentagon frohlocken, wenn die wöchentliche Gefallenenziffer auf einen Tiefpunkt von 38 fällt – als wären 50 000 tote amerikanische Soldaten und fast 300 000 Verwundete nicht längst genug.

Gewiß möchte Nixon seine Laufbahn im Weißen Haus als Friedenstifter beenden, aber seit seinem Amtsantritt ist er dem Frieden nur um ein paar Schritte nähergekommen. Seit nahezu zwei Jahren wird am runden Tisch im Pariser Hotel Majestic verhandelt, doch in mehr als sechzig Sitzungen sind die Unterhändler nicht aus der Sackgasse herausgekommen.

Nur Millimeter um Millimeter weichen die Vietcong und ihre nordvietnamesischen Verbündeten von ihren harten Positionen; sie wollen sich nicht noch einmal wie 1954 in Genf übers Ohr hauen lassen. Damals ließen sie sich von Russen und Chinesen überreden, sich mit dem halben statt dem ganzen Gewinn zufriedenzugeben. Sie willigten gutgläubig in die, wie sie meinten, vorübergehende Teilung ihres Landes ein, und sie waren mit einer Verschiebung der freien Wahlen um zwei Jahre einverstanden, was praktisch hieß: bis zum St. Nimmerleinstag.

Aber auch die Unterhändler Präsident Nixons geben nur millimeterweise Terrain preis. Nixon will nicht als erster Präsident in die Geschichte Amerikas eingehen, der eine Niederlage hingenommen hat. Sein Ratgeber Kissinger hat zwar schon vor Jahren erkannt, daß in einer Guerilla-Auseinandersetzung verloren hat, wer nicht gewinnen kann. Aber Nixon hofft, durch seinen Trick der "Vietnamisierung" doch noch zu erreichen, was schon sein Vorgänger Johnson immerzu anstrebte – ein nichtkommunistisches Südvietnam, das von den Kommunisten nicht überrannt werden kann.

Kriegs- und Friedensziel der Vereinigten Staaten sind also identisch. Präsident Johnson schickte 500 000 Soldaten nach Vietnam, um den Zusammenbruch des Saigoner Regimes zu verhindern. Präsident Nixon will diese 500 000 Mann aus Vietnam wieder abziehen, wenn garantiert ist, daß das Saigoner Regime nicht zusammenbricht.