Der Unterprimaner hat seine stotternden Ausführungen beendet. Die anderen Schüler sitzen mit gesenkten Blicken da. Jeder weiß, was jetzt kommt und was er sagen müßte: „Stellungnahme? Mangelhaft!“ Aber niemand sagt ein Wort. Der Lehrer schaut sich um: „Das ist wohl zuviel verlangt von einer Klasse.“

Solche Szenen werden in mitwirkenden Klassen, je nach Leistungsstand, nicht eben selten sein. Und in der Tat ist es viel verlangt von einer Klasse, einen Kameraden, der womöglich noch „gefährdet“ ist, mit einem „mangelhaft“ zu benoten.

Ob zu viel, möchte ich bezweifeln. Es hängt wesentlich von den Spielregeln ab, die vereinbart wurden. Als wichtigste wäre der Kriterienkatalog zu nennen, nach dem beurteilt werden soll. Er muß vom Lehrer gegeben werden als dem letztlich Verantwortlichen.

Sind die Kriterien eindeutig und ihre Handhabung bereits in der Mittelstufe geübt, braucht kein Schüler vor der Stellungnahme Angst zu haben. Da man selbst ja auch nach ihnen beurteilt werden möchte, wird sich die Mehrzahl der Schüler nach ihnen richten. Einzelne Rivalitäten werden durch die größere Zahl der Beurteiler ausgeglichen und sind außerdem meist bekannt.

Selbstverständlich sollte es sein, daß die Schüler ihre Meinung zuerst kundtun, damit eine mögliche Beeinflussung durch den Lehrer vermieden wird. Auch muß der zu Beurteilende selbst nach seiner Meinung gefragt werden.

Auf diese Weise sollte es in einer Oberstufenklasse möglich sein, zu einer einheitlichen Beurteilung zu kommen. (In meinem Erfahrungsbereich war das bis jetzt nicht möglich.) Kommt es, aus welchen Gründen immer, zu keiner Einigung, so hat der Lehrer die letzte Entscheidung zu treffen. Schließlich muß er sie vor Konferenz und Eltern verantworten.

Schwieriger zu regeln ist die Mitwirkung bei der Benotung von schriftlichen Arbeiten, da die Schüler alle Arbeiten lesen müßten. Aber auch hier sollte ein Mehr an Transparenz möglich sein. Der Fachlehrer schreibt die Begründung der Note unter die Arbeit – im Abitur sowieso Vorschrift, und der Schüler hat Gelegenheit zu einer Aussprache.