Der neue sowjetische Plan für eine Friedensregelung in Nahost (siehe Dokumente der ZEIT) hat die Phase der Stagnation der Nahostgespräche beendet, die seit dem Tode Nassers herrschte. Nachdem 90,04 Prozent der über 7 Millionen stimmberechtigten Ägypter Anwar el Sadat als neuen Präsidenten bestätigt haben, mehren sich in allen beteiligten Staaten die Anzeichen für eine Wiederaufnahme der diplomatischen Bemühungen.

Israel und Ägypten haben inzwischen ihre Absicht bekräftigt, den Waffenstillstand über den 5. November hinaus auch ohne förmliche Übereinkunft zu verlängern und in dieser Zeit, wenn auch unter Vorbedingungen, zu verhandeln. Der UN-Sonderbeauftragte für den Nahen Osten, Gunnar Jarring, ist in New York eingetroffen.

Der sowjetische Friedensplan ist in Israel und im Westen zurückhaltend aufgenommen worden. Das Motiv der Sowjets, mit Rücksicht auf die Araber eine eigene Alternative zum Rogers-Plan zu entwickeln, ist ebensowenig zu verkennen wie das Bestreben, die neue ägyptische Führungsspitze festzulegen. Moskau verlangt, daß die Resolution des UN-Sicherheitsrates vom 22. November 1967 erfüllt wird, und bietet dazu nach seiner Darstellung präzise Vorschläge an. Neu sind zwei Punkte: Einmal wird das Recht auf gesicherte Existenz in sicheren Grenzen nachdrücklich anerkannt, und zum anderen wird erstmals der Abschluß eines gegenseitig verpflichtenden Abkommens gefordert. In diesen Fragen geht der neue Plan über die sowjetischen Vorschläge vom Juli dieses Jahres hinaus.

Die Reaktionen aus Jerusalem und Washington unterscheiden sich darin, wieviel Vertrauen in die sowjetisch-arabischen Vorschläge zu setzen ist. Israel verweist auf den Bruch des Waffenstillstands und verlangt auch in seiner 23. Beschwerde vor der Aufnahme neuer Gespräche den Abbau aller vorgeschobenen Raketenstellungen. Angeblich sind bereits 48 Raketenbatterien, davon 10 Batterien SAM-3-Raketen, die von rund 1000 Russen bedient werden, am Suezkanal installiert.

Im Gegensatz zu Israel neigt Washington eher dazu, die ägyptischen Argumente zu berücksichtigen, daß ohne Umgruppierung die erkannten Stellungen bei einem israelischen Überraschungsangriff zerstört worden wären. Weiter vertritt es die Ansicht, daß die Stärkung durch die Luftabwehrraketen Kairo politisch erst in die Lage versetzt habe, dem Rogers-Plan zuzustimmen und damit von seinen Maximalforderungen abzurücken.

In Kairo hat El Sadat seine Stellung inzwischen offenbar festigen können. Erstes Opfer einer Regierungsumbildung wurde der bisheriger Informationsminister und Herausgeber der Zeitung „Al Ahram“, Heikal, der angedeutet hatte, Nasser habe sich den ehemaligen Ministerpräsidenten Mohieddin als Nachfolger gewünscht. Als Regierungschef hat El Sadat den ehemaligen außenpolitischen Berater Nassers, Machmud Fausi, eingesetzt.

Hat sich in Ägypten die Lage offensichtlich konsolidiert, so ist es bei einigen seiner Verbündeten, erneut: zu Auseinandersetzungen gekommen. In Jordanien brachen zwei Tage nach Unterzeichnung eines Abkommens zwischen Palästinensern und der jordanischen Regierung schwere Kämpfe aus, die erst am Wochenende von der arabischen Vermittlungskommission beigelegt werden konnten. Obwohl Amman den Freischärlern sehr weit entgegengekommen ist, künden radikale Gruppen weitere Kämpfe an. Der mäßigende Einfluß des Führers der palästinensischen Befreiungsfront, Arafat, hat an Gewicht verloren.