Das erinnerte an die großen Zeiten der Diplomatie, als man es noch verstand, auf elegante Weise mit Hilfe der Kunst für sein Land zu werben.

Schauplatz und Konzertsaal war das Foyer der Schwedischen Botschaft in Bonn, eigentlich nur ein überdimensionales helles Treppenhaus unter einer nüchternen Kassettendecke. Die Atmosphäre: karg, bescheiden, ein wenig wie in einem Bürohaus. Rings an den Wänden die mannigfaltigen Produkte Schwedens, zum Teil in Glasvitrinen: von der Schreibmaschine über die Hasselblad-Kamera – in Astronautenhand, versteht sich – bis zu herzigen kleinen Modellen des Düsenjägers Saab, dazu und ganz diskret im Hintergrund oder gar erst einen Stock höher Keramik und abstrakte Kunst. Zwischen den als Wegweiser aufgestellten Feuerschalen – made in Sweden, aber gekauft in Bonn – die Gäste, sie kamen auf Einladung, ein paar Diplomaten, ein bißchen Presse, viele der wichtigsten Köpfe der schwedischen Kolonie in Bonn, ein seltsam bunt durcheinandergewürfeltes Publikum, sicherlich kein typisches Musikpublikum.

Zu feiern war das Debüt des neuen schwedischen Kulturattaches Dr. Gunnar Bucht; zu hören war aus diesem Anlaß das Bläserquintett der Stockholmer Philharmonie. Man hätte natürlich in irgendeinen Konzertsaal ziehen können; es ging jedoch darum, zugleich die Eignung des Botschaftsfoyers für musikalische Aufführungen zu prüfen. Der schwedische Rundfunk hat entsprechende Konzertpläne.

Diese Zusammenhänge kommen nicht von ungefähr. Der Kulturattaché entstammt nämlich nicht der Hohen Schule der Diplomatie, wie das allgemein üblich ist. Er hat sich nicht über eine tückenreiche und beschwerliche Strecke hochdienen müssen, er ist kein Karrierediplomat, sondern einfach weiter nichts als ein Kompoi.ist. Daß ein Land Künstler in seine diplomatischen Vertretungen delegiert, ist ebenso neu wie selten, obwohl seit langem feststeht, daß Künstler glaubwürdige und geschickte Botschafter sein können.

Dr. Buchts Wirken in Bonn begann verheißungsvoll und angemessen. Er zeigte, was Schweden auf dem Gebiet der Musik zu bieten hat, und das ist eine ganze Menge. Das Musikleben im nicht ganz so hohen Norden erfreut sich der Anteilnahme einer breiten Öffentlichkeit, und was der Staat dazu beiträgt, kann den bundesrepublikanischen Betrachter nur mit Neid erfüllen. Kunst und also auch Musik gehört zu den Grundbedürfnissen des Menschen; nach dieser Erkenntnis handelt die Regierung in Stockholm, und die Künstler selber besorgen die entsprechende Organisation, die darauf hinausläuft, jeden Bürger mit der Musik zu versorgen, die ihm frommt. Soziales ist in Schweden mehr als nur Rentenwesen oder Gefangenenfürsorge. Am Ende hängt auch die Konzertreise des schwedischen Bläserquintetts nach Bonn ein wenig mit Sozialem zusammen, nicht als Ressort, sondern als Vorstellung von umfassender Fürsorge.

Das Programm: Werke von Francesco Antonio Uttini, einem Zeitgenossen Mozarts, der mehr als vierzig Jahre lang am Hofe in Stockholm lebte und die ersten schwedischen Opern komponierte; von Bo Nilsson, dem einstigen Wunderknaben vom Polarkreis; und von György Ligeti, dessen schwedische Zeit beweist, daß das Land nach wie vor ein klassisches Asyl ist. Ligeti war höchstselbst erschienen und kommentierte sein Werk, die „Zehn Stücke“, die dem Bläserquintett der Stockholmer Philharmonie gleichsam auf den Leib geschrieben sind; das Ensemble beherrscht übrigens den weichen, gefälligen Stil des Rokoko-Kleinmeisters nicht weniger als die konzertante solistische Faktur der zeitgenössischen Stücke. (Es wäre ein Vergnügen, die fünf Schweden häufiger zu hören; Bläserquintette sind schließlich nicht so sehr dicht gesät, erst recht nicht erstklassige mit einem solchen umfangreichen Repertoire.)

Fazit: ein diplomatisches Konzert in jeder Hinsicht, sozusagen die schwedische Botschaftsmusik Nummer eins. Und es steht zu erwarten, daß die Bundesrepublik während der Amtszeit des Kulturattaches Dr. Bucht von schwedischer Musik noch des öfteren Kenntnis erhalten wird. Daß dabei Entdeckungen fällig sind, ist nicht zu bezweifeln. Schweden besteht eben nicht nur aus Hasselblad-Kameras und Saab-Düsenjägern.

Fred K. Prieberg