Vitracs ein Meter achtzig großer Bühnenknabe Victor entdeckt an seinem neunten Geburtstag erstens sich selbst, zweitens seine Freiheit zur Bosheit und drittens die miesen Mechanismen der Erwachsenenwelt. Er verhält sich wie eine puerile Mischung aus Danton und Robespierre: Verzweifelt, fieberhaft, gewissenlos, dabei ahnend, daß sein größter Tag wohl auch sein; letzter sein werde, jagt er, mit Hilfe seiner oft betonten „schrecklichen Gescheitheit“ Stromstöße in die Figuren, von denen Victors Kindheit umstellt ist.

Des Vaters zappelnde Beschwichtigungsfeigheit wird vorgeführt, der Mutter ehebrecherische Lüsternheit, der Freundin Hilflosigkeit, die masochistische Dummheit eines Generals, die Abhängigkeit eines Dienstmädchens und, am komischsten vielleicht, die herrliche Weinkrampfanfälligkeit des Herrn Antoine, der immer außer sich gerät, wenn das Gespräch auf die Feigheit des Marschalls Bazaine kommt. In der Mitte des Stückes tritt eine bleiche, reiche Quasi-Todesgöttin auf, bereit, den Victor zu lieben. Aber auch diese Ida Totemar wird schließlich von Victor zurückgewiesen. Sie hat, um Wedekind zu zitieren, ständig „Orchesterprobe in den Gedärmen“, das heißt, sie furzt fortwährend, was ihr peinlich ist. Victor verlangt es zum Schluß von ihr. Der Posaunist muß arbeiten.

Das ist kein klares Stück, aber doch ein zusammenhängendes, wildes, kaum veraltetes (die Uraufführung fand am 24. Dezember 1928 statt, was diese Welschen sich doch so zu Weihnachten leisten). Eine spießige, kleinbürgerliche Erwachsenenwelt, angesiedelt in der Etage eines großen Pariser Mietshauses und ein weniger psychologisch als surrealistisch vorgeführter Konflikt zwischen den Jungen und den Etablierten sind zu besichtigen. Es bietet sich darüber hinaus die Möglichkeit, nicht nur die Schwächen der Erwachsenen vorzuführen, sondern die sehende Blindheit von Victors besinnungslosem Haß zu kritisieren.

Dieses von Anouilh vielgeliebte, dereinst von ihm in München meisterhaft grotesk und choreographisch inszenierte Stück (im Drama „Bäcker, Bäckerin und Bäckerjunge“ hat Anouilh eine relativ blasse, merkwürdigerweise Godardsche Techniken einbeziehende Kopie des Vitracschen Vorbildes geliefert) führte nun in Stuttgart ein 29jähriger sehr wirkungsbedachter, phantasievoller, alle Theaterfreiheiten (gegen Textlangweiligkeiten) vehement ausspielender Regisseur vor: jener Hans Neuenfels, der bereits vielfaches Aufsehen hervorgerufen, Skandale entfacht, sich mit dem Fischer-Verlag wegen einer Albee-Bearbeitung gestritten und mannigfachen Wirbel gemacht hat. Theaterprofessionals, die den Weg dieses Künstlers beobachten, versichern, daß er sich immer mehr „fängt“‚ immer genauer wird, sein Talent immer deutlicher einzusetzen versteht. Nach dem „Victor“ wird er in Stuttgart, man darf gespannt darauf sein, Strindbergs „Gespenster“-Sonate inszenieren.

Was nun aber Victracs „Victor“ betraf, so hat ihm dieses Stück anscheinend „zu gut“ gelegen. Die unablässigen Explosionen dieses bürgerlichen Schauspiels kamen anscheinend dem, was Neuenfels vom Theater will und mit ihm vorhat, zu nahe. Er inszenierte sie grell, nicht ohne stilisierende Geschicklichkeit, stets bereit, dem Irrsinn zu geben, was des Irrsinns ist. Aber die Explosionen verpufften.

Man muß sich das so vorstellen: Im Text heißt es, unterhalb des Personenzettels, das Stück spiele „am 12. September 1909“. Neuenfels läßt diese Datumsangabe über Lautsprecher wohl mindestens zehnmal wiederholen. Es wird ein massiver Lärm daraus. Man spürt förmlich, wie der Boden bürgerlicher Sicherheit bereits mittels einer Datumsangabe durchlöchert werden soll. Victor schockiert das Dienstmädchen Lili mit dem Hinweis darauf, wie brav er bislang gewesen sei: „Ich war bis zum heutigen Tag untadelig. Wenn ich auch stets die Hand vorgehalten hab’ beim Pissen ...“ Neuenfels läßt diese weder besonders schockierende noch auch besonders zu Herzen gehende Bekundung, auf die Lilli „oh“ antworten muß, gleich dreimal wiederholen. So aufregend ist aufregendes Theater. Und wenn Lili sagt: „Das ist kein Kind mehr“, worauf Victor antwortet, als hätte er Beckett gelesen: „Es gibt keine Kinder mehr“, dann werden diese Sätze plötzlich im Ton trauriger Nebelhörner vorgetragen.

Neuenfels kitzelt also auf erfindungsreiche Weise die Effekte heraus. Er stellt so von vornherein eine völlig verrückte, aus den Fugen geratene Welt her. Wenn die Kinder die Erwachsenen mit einer wüsten Szene geärgert haben und darauf prustend lachen sollen, dürfen sie bei Neuenfels nicht lachen, wenn die Erwachsenen sich ehefern zur bürgerlichen Unzucht aufs Sofa zurückziehen, dann legt sich die Heldin, als wäre sie beim Frauenarzt, grandios rücklings auf den Tisch und der Nicht-Gatte im Frack versucht über sie herzufallen. Und wenn eine mürrische eheliche Nacht mit Schlafanzug und ähnlich erregenden Requisiten halbdunkel anzudeuten wäre, dann bleibt es hell und der Held trägt Schwarz.