Von Heinz Abosch

Seit seiner Befreiung von der Vorherrschaft Stalins hat der „jugoslawische Weg“ zum Sozialismus eigenständige Formen hervorgebracht. Ablehnung der ÜberZentralisation, Selbstverwaltung, Liberalisierung, Koexistenz – dies unterschied Titos System von den übrigen kommunistischen Ländern. Längst vor der halbherzigen „Entstalinisierung“ Moskaus antizipierte Jugoslawien Experimente, die später im Ostblock da und dort in verstümmelter Gestalt übernommen wurden.

Es lag in der Natur der Sache, daß auch dieser Reformkommunismus nicht aus einem Stück war. Die nicht mehr nach orthodoxer Manier geleugneten Widersprüche wirkten in den eigenen Reihen, wo Bürokraten und Demokraten, Konförmisten und Kritiker sich gegenüberstanden. Eine-der aktivsten geistigen Zentren und Diskussionsstätten wurde die 1964 in Zagreb gegründete Zeitschrift „Praxis“, die bald auch eine deutsche, französische und englische Ausgabe hatte.

Vornehmlich aus Philosophen zusammengesetzt, unternahm es die „Praxis“-Gruppe, die Situation des Kommunismus; zu analysieren, wobei sie weiter und tiefer ausholte, als es die regierende Partei tat oder auch erlaubte. „Praxis“ stellte eine Verbindung her zu kritischen Marxisten des Westens wie Ernst Bloch, Lefèbvre, Luden Goldmann, zu Marcuse, Kolakowski, Habermas.

Jedes Jahr diskutierten auf der Sommerschule in Koroula linke Denker aus vielen Ländern. Dabei war es nicht zu vermeiden, daß die „Praxis“-Leute in widrige Winde gerieten. Zwar erfreuten sie sich bei westeuropäischen Linken eines regen Interesses, doch in ihrer Heimat wuchsen die Schwierigkeiten. Den Philosophen, die die reine Lehre Marxens wiederherstellen wollten, wurde das Schlagwort „Revisionismus“ entgegengehalten. Im letzten Jahr machte die Regierung sie für das Aufbegehren der Belgrader Studenten verantwortlich, es gab Parteiausschlüsse. Über Ziele und Bestrebungen der Gruppe informiert

Gajo Petrovic (Hrsg.): „Revolutionäre Praxis. Jugoslawischer Marxismus der Gegenwart“; übersetzt von Karl Held; Rombach Verlag, Freiburg 1969; Sammlung Rombach, NF. Bd. 3; 286 S., 29,– DM.

Die Aufsätze sind unterschiedlichen Charakters und nicht immer gleichen Niveaus. Theoretische Untersuchungen über Grundfragen der Philosophie werden ergänzt von soziologischen Abhandlungen über die „Bürokratie als verdinglichte Organisation“, „Humanität und Krieg“ u. a. Dem theoretischen Anspruch wird nicht immer Genüge (getan, bisweilen bleibt es beim Ansatz, bisweilen beim bloßen Bekenntnis.