Rom, im Oktober

Wider Erwarten sind die polnischen Katholiken, die gegenwärtig heftig an die Pforten des Vatikans pochen, einem Hindernis begegnet, das seit dem Besuch Willy Brandts beim Papst an Bedeutung verloren zu haben schien: den Sympathien des deutschen Episkopats für die christ-demokratische Opposition in Bonn.

Kardinal Wyszynski, der gleichzeitig mit dem Krakauer Kardinal Wojtyla, dem Breslauer Erzbischof Kominek und zwei katholischen Abgeordneten aus Warschau in Rom weilt, wurde – noch ehe er selbst letztes Wochenende vom Papst empfangen wurde – durch den Münchner Kardinal Döpfner belehrt, daß die sozialdemokratische Regierung in Bonn jetzt geschwächt sei und es folglich besser wäre, mit kirchenrechtlichen Neuregelungen in den Oder-Neiße-Gebieten abzuwarten, bis die Opposition die Verständigung mit Polen auf ihre Fahnen schreiben könnte. In diesem Sinne hatten Döpfner und auch der Kölner Kardinal Höffner den Papst zu überzeugen versucht, der die beiden deutschen Kirchenfürsten noch vor Wyszynski empfangen hatte.

Im Vatikan hörte man dies nicht ungern, da man die Neuregelung in den Oder-Neiße-Gebieten ohnehin mit der noch schwierigeren Frage der DDR-Diözesen, ja sogar der polnischen Ost-Diözesen, die auf sowjetischem Gebiet liegen, verknüpft sieht. Die Ostpolitik des Vatikans wird nicht selektiv betrieben, sie bildet eine Einheit. Je mehr sich aber die Verhandlungen zwischen Bonn und Warschau einem Abschluß nähern, desto eindringlicher wird der Vatikan von der polnischen Kirche bestürmt, Konsequenzen zu ziehen – wenn schon nicht vor dem Vertragsabschluß, so doch rechtzeitig genug, daß es dem Prestige der Kirche in Polen noch zugute käme.

Die Vitalität der polnischen Kirche sieht der Vatikan jedoch überhaupt nicht gefährdet; er möchte allerdings auf lange Sicht selbst mit der Warschauer Regierung ins Gespräch kommen. Warschau aber ist an einem Prestige-Gewinn der Kirche so wenig interessiert – wie die CDU an einem Erfolg der Sozialdemokraten. All das steht also dem Wunsch der polnischen Bischöfe im Weg. Seit sie aber die Polen-Erklärung der CDU/CSU gelesen haben, die wiederum die Grenzfrage im Schwebezustand einer Vorläufigkeit lassen möchte, sind sie noch weniger als vorher geneigt, den frommen Wünschen ihrer deutschen Amtsbrüder Gehör zu schenken. hjs