Schon wird gewettet, wie lange sich die Regierung noch halten kann. Eine rot-schwarze Wette schlossen der für Wirtschafts-, Finanz- und Sozialpolitik zuständige SPD-Ministerialdirektor im Bundeskanzleramt Herbert Ehrenberg (Autor des Buches „Erhard-Saga“) sowie Horst Lässing, CDU-Mitglied und persönlicher Referent von Gerhard Stoltenberg. Drei Flaschen Sekt lautet die Wettschuld Ehrenbergs, falls die gegenwärtige Bundesregierung am 2. Mai 1971 nicht mehr im Amt sein sollte, während Lässing im umgekehrten Fall zur Kasse gebeten wird. „Solche Zweckwetten hat man gerne“ meinte der als Zeuge aufgerufene Klaus W. Busch, aus der Abteilung Unternehmensplanung der Münchener BMW-Werke.

In der CDU-Fraktion macht man sich derweil Sorgen um das Image der Partei: In der Öffentlichkeit sage man ihr schon nach, sie „bastele ständig an ihrer Regierungsliste herum“. Ein Appell ging nun aus der Fraktion an die Adresse des Präsidiums: „Tut doch nicht so, als ob wir morgen schon dran wären.“ Olaf von Wrangel, Journalist und als zukünftiger Regierungssprecher verdächtigt, zu Rainer Barzel: „Ich veispüre wenig Lust, die schmutzige Wäsche anderer zu waschen.“

Mehr Lust verspürt offensichtlich Franz Josef Strauß. Als er dieser Tage mit seinem Büro aus Bonns Abgeordnetenhaus „Langer Eugen“ in den Fraktionsflügel des Bundeshauses umsiedelte, rissen sich seine beiden Mitarbeiter Friedrich Voss und Bernhard Traub um das Türschild mit der Aufschrift „Abgeordneter Strauß“. „Die scheinen sich dem Sammlertraum hinzugeben, daß der Abgeordnete Strauß bald der Historie angehört“, vermutete man in der Fraktion.

Das Amt des Wirtschaftsministers haben besonders Eifrige bereits dem 74jährigen Alt-Wirtschaftsminister und Alt-Bundeskanzler Ludwig Erhard zugedacht. „Nur er kann das Wunder der Preisstabilität noch vollbringen“, meinte ein Parteifreund der ersten Stunde. Ludwig Erhard dazu: „Grober Unfug.“

Politische Spürnase bewies der CDU-Abgeordnete Walter Leisler Kiep. Er wies Bundeskanzler Willy Brandt auf die Unterstützung der Widerständler im portugiesischen Mozambique durch die Friedrich-Ebert-Stiftung hin, die mit Bundesmitteln subventioniert wird und machte den Kanzler auf die Empfindlichkeit des Nato-Partners Portugal aufmerksam. Willy Brandt schrieb in einem Brief an Kiep zwar, daß die Hilfe nicht von der Bundesregierung komme und deshalb „für eine Konsultation unter Regierungen kein Raum“ sei. Dennoch hielt er es für ratsam, den vielseitigen Horst Ehmke, Minister im Kanzleramt, nach Lissabon zu entsenden, um Ministerpräsident Gaetanis zu besänftigen..

Der nicht minder vielseitige Entwicklungsminister Erhard Eppler führte mit sichtbarem Vergnügen und Sachverstand den Vorsitz bei der ersten Sitzung der Steuerreformkommission beim SPD-Parteivorstand. Er schlug erfolgreich den „gesellschaftspolitischen Blickwinkel‘ als Arbeitsmaxime vor. Den Freiburger Professor Alois Oberhauser, der einen Diskussionsbeitrag zum Thema Steuerrecht lieferte, verdutzte Eppler mit der Bemerkung: „Das haben Sie doch bereits in Ihrer Habilitationsschrift vertreten.“

Den Punkt „Berlin und die innerdeutschen Beziehungen im Lichte des Moskauer Vertrages“ auf der Tagesordnung des Bundestagsausschusses für innerdeutsche Beziehungen (Vorsitzender Ex-CDU-Bundesminister Johann Baptist Gradl) kommentierte der Ostpolitiker aus Neigung Eppler so: „Zuerst sagen sie, an dem Vertrag sei alles, zappendüster, und jetzt wollen sie im Lichte eben dieses Vertrages diskutieren.“