Jesus im Edeka (ein Musical)

Das Grenzwertdenken vergreister Manager läßt die Arbeiterkolonnen, welche innerhalb von achtundvierzig Stunden den Anbau, der jetzt verputzt wird, hochgezogen hatten, bereits wieder im Taktverfahren bei Flutlicht Stahlträger für die Erweiterung des Anbaus in die entfremdete Erde rammen. Ein paar Kilometer weiter schieben riesige Bulldozer Würstchenbuden, Autofriedhöfe, automatische Wäschereien, unterkapitalisierte Zuliefererbetriebe zusammen und transportieren sie ab, um Platz für neue Erweiterungsbauten zu schaffen. Irgendwo zermalmen sie ein winziges Gänseblümchen. Aber das Aufjaulen der immer wieder in den Leerlauf geschalteten Motoren ist nur noch ein ganz dünnes Fiepen. Die Riesenhalle deckt alle Horizonte zu. Sie füttert im Gold- und Spiegelglanz. Über dem Eingang durchschießen Milliarden von Elektronen mit Lichtgeschwindigkeit meterdicke neongefüllte Glasröhren. Die Röhren heißen „Edeka“.

Jesus steht in der Lebensmittelabteilung. Sein Feedback-Gehirn schaltet eine Rückkoppelungsschlaufe. Das ist eine Genossenschaft von Einzelhändlern, die die Buchhaltung gemeinsam machen, was sie tun müssen, da sie durch den Zusammenschluß immer größer werden, denkt er. Er wird abgelenkt. Sein Gesicht spiegelt sich in der Plastikverpackung zweier schockgefrosteter Forellen. Er dreht den Kopf herum, um zu sehen, ob er im Profil auch so schön ist. Zufrieden nimmt er die Plastikbrille ab und schaut sich in die Augen. Diese Gesellschaft erhält sich am Leben durch ihren Spiegelglanz, denkt er. Wie kann ich sie umstürzen, wenn sie mir in allen Spiegeln, Glasflächen, Zellophanverpackungen, geputzten Schuhen, blankgeriebenen Äpfeln, blinkenden Fünfmarkstücken, weißem und beschriebenem Papier zeigt, wie schön ich bin?

Hier, wo der in entfremdeter Arbeit den Reichen abgequetschte winzige Mehrwertanteil bei verkaufsfördernder Hintergrundmusik wieder zu neu akkumuliertem Mehrwert zusammenschießt, muß einmal Gottes freie Natur gewesen sein. Gott ist für ihn ein nicht ausgesteuerter Oberton im Videorekorder. Damals konnte man sein eigenes Bild in abwasserfreien Bächen betrachten und sich ganz einfach lieben. Hoch vom Himmel kommt jetzt als weiche langsame Tonüberblendung mit dem Klang einer Glocke der Verkündigungsruf, „Fräulein Meier bitte zur Kasse“. Das ist es, was hier die Waren ausrufen, die Neonröhren, die Wandbespannung, die spiegelnden Glasscheiben, die Schönheit zeigen, die ihn zeigen, der lockere Gang der Verkäuferinnen, das Lächeln der Verkäufer, die Musik, die Rolltreppen, die in die Warenhaufen hineinfahren, ja die Kunden selbst, ihre Augen, ihre Hände, alles ruft, schreit, säuselt, beschwört das Brunftgeschrei der elektromagnetisch gesteuerten Expropriation, „zur Kasse, zur Kasse, zur Kasse“.

Das obszön nach außen gewölbte Weißblech einer Ananasbüchse spiegelt sein rechtes Ohr. Es ist so schön wie sein Haar. Ich liebe mich, sagt er und dreht das Gesicht zur Kosmetikabteilung, Er wirft die Haare zurück, öffnet den Mund leicht und überlegt, wieviel er von seinen Zähnen zeigen soll. Er berauscht sich an jedem Ausdruck seines wunderbaren Gesichts. Er liebt uns, weil er sich liebt, sagen ein paar Kunden. Andere kommen hinzu. Er liebt uns, rufen sie. Ja, ich liebe euch alle, sagt Jesus. Ich liebe die Verkäufer, und die Käufer, was sie ansehen, was sie kaufen, was sie dafür bezahlen, was sie liegenlassen, was sie essen, was sie trinken, was sie ausscheiden, was sie tun, was sie denken, alles ist Liebe, Liebe, Liebe.

„Das ist Jesus von Nazareth“, rufen die Kunden in der Riesenhalle.

„Bin ich der Jesus der Evangelien?“ spricht Jesus auf ein hochfrequentes Modulations-Tonband.