Moskau, im Oktober

Während sie sich aus wirtschaftlichen Gründen um eine Liberalisierung ihrerBeziehungen nach außen bemüht, unterdrückt die Kreml-Führung im Inneren nach wie vor jede freiheitliche Regung. Der neueste Beweis für diese Haltung: In Kaluga wurde der Prozeß gegen den Leningrader Mathematiker Revolt I. Pimenow, der seit letztem Juli wegen antisowjetischer Verleumdungen in Untersuchungshaft sitzt, wiederaufgenommen.

Der 40 Jahre alte Wissenschaftler ist einer der brillantesten sowjetischen Mathematiker. Sein auch in den USA veröffentliches Buch „Kinematischer Raum“ wurde von kompetenten Wissenschaftlern als ein „höchst bedeutendes“ Werk bezeichnet, weil es den Versuch mache, „die allgemeine Relativitätstheorie frei von voreingenommenen physikalischen Vorstellungen darzulegen“. Unter Pimenows Freunden und Befürwortern befindet sich unter anderem das Mitglied der sowjetischen Akademie der Wissenschaften, Andrej D. Sacharow, der am vergangenen Mittwoch als Zuschauer an der Eröffnungssitzung des Prozesses teilnahm.

Die Anklage gegen Pimenow bezieht sich auf den Besitz und die Verteilung von sieben Exemplaren Samisdat-(Untergrund-)Literatur. Darunter die „Zweitausend Wörter“ tschechoslowakischer Intellektueller, ein offener Brief Pavel Litvinows sowie ein Schriftstück von Milovan Djilas.

Diese Schriften habe er, so lautet die Anklage, unter Wissenschaftlern verteilt. Die einzigen Zeugen sind zwei Mitangeklagte: der langjährige Freund Pimenows, Boris B. Weil, ein arbeitsloser Intellektueller aus Kursk, und eine nicht näher bezeichnete Frau.

Für Pimenow ist es nicht das erste Mal, daß er in Konflikt mit sowjetischen Gesetzen und politischen Kontrollorganen geriet. Als er 18 Jahre alt war, landete er in einem Irrenhaus, nachdem er den Antrag gestellt hatte, aus der kommunistischen Jugendbewegung (Komsomol) auszutreten. Untersuchungen ergaben jedoch, daß Pimenow völlig normal war. Er wurde entlassen unter der Bedingung, seinen Antrag zurückzuziehen. Zwei Jahre später wurde er dann aus dem Komsomol ausgestoßen, danach wieder aufgenommen, zum zweiten Male ausgestoßen und schließlich erneut aufgenommen.

Nach dreijähriger wissenschaftlicher Arbeit als Mathematiker wurde Pimenow im März 1957 verhaftet und im August des Jahres wegen konterrevolutionärer Tätigkeit zu sechs Jahren Arbeitslager verurteilt. Hauptpunkt der Anklage war die angebliche Bildung einer antisowjetischen Gruppe unter Studenten des Leningrader Instituts für Bibliothekswissenschaften und der Besitz von antisowjetischen Schriften.