Marburg

Seit der hessische CDU-Landesvorsitzende Alfred Dregger im Sitzungssaal der Parteizentrale in der Frankfurter Schillerstraße unter einem Adenauer-Bild (das Gewinnerlächeln von Fernsehscheinwerfern sorgfältig ausgeleuchtet) ankündigte, Erich Mende werde sich selbstverständlich noch vor der Landtagswahl politisch betätigen, ist für Hessens Journalisten höchste Alarmstufe: Der ehemalige FDP-Vorsitzende bei seinem ersten öffentlichen Auftritt als Unions-Christ – das will sich keiner entgehen lassen. Aber nun, drei Wochen vor dem Wahltermin, ist noch gar nicht sicher, ob es zu der großen Schau kommen wird, denn das CDU-Parteivolk reagierte sehr zwiespältig auf das neue Mitglied.

Der Genugtuung über die Schlagzeilen „Mende zur CDU“ ist Ernüchterung gefolgt. Wird der politisch und geschäftlich vom Glück verlassene Erich Mende für die Union tatsächlich ein Gewinn und eine Hilfe im Wahlkampf sein? Vorsichtig formulierte Christian Schwarz-Schilling, Stellvertretender Landesvorsitzender, Generalsekretär der hessischen CDU und Wahlkampfleiter: Es gäbe keinerlei „Strategie über den Einsatz Mendes im Wahlkampf“. Die Partei sei lediglich bereit, „technische Hilfen“ zu geben, falls Erich Mende auf Wunsch eines CDU-Kreisverbandes als Redner auftreten werde.

Die politische Zukunft in der CDU ist für Neuzugänge aus dem FDP-Lager auch nicht sonderlich verlockend. Es bestätigt sich wieder einmal, daß man den Verrat liebt, aber nicht den Verräter. „Mag sein, daß mir als einfachem CDU-Mitglied der Einblick in größere politische Zusammenhänge fehlt“, meint Gustav Fehrenbach. „Trotzdem wage ich auszusprechen, wie wenig glücklich ich darüber bin, daß CDU-Jungmitglied Erich Mende sich als Wirkungskreis in der CDU ausgerechnet den Landesverband Hessen ausgewählt hat.“ Das einfache Mitglied ist 2. Vorsitzender der Postgewerkschaft, und er spricht aus, was nicht wenige seiner Unionsfreunde empfinden.

Vorbeugend wird denn auch schon heute Wert auf die Feststellung gelegt, daß nicht der Vorstand, sondern die Delegierten über die Nominierung von Parlamentskandidaten zu befinden laben. „Und da hoffe ich doch“, sagt Fehrenbach, „daß – auch im Interesse der CDU – kein in Hessen dafür zuständiges CDU-Delegierten-Gremium einen in mehrfacher Hinsicht abgewirtschafteten Politiker Gelegenheit geben wird, in einem neu zu wählenden Bundestag hessische CDU-Wähler zu vertreten.“ Gerhard Ziegler