Der Krieg verebbt, doch wo bleibt der Friede?

Von Winfried Scharlau

Pnompenh, im Oktober

Nach fast einem Jahrzehnt der Eskalation und verbissener Kämpfe vermag noch niemand in Indochina die Zahl der Opfer zu überblicken. Allmählich scheint sich die Erkenntnis durchzusetzen, daß dieser Krieg nicht mehr mit einem Sieg beendet werden kann. Was unbeteiligten Beobachtern spätestens seit der Tet-Offensive 1968 deutlich war, haben nun auch die Führer der kämpfenden Parteien begriffen, die Regierung in Hanoi eingeschlossen, deren unvermindert militante Sprache das Ausmaß der inneren Erschöpfung Nordvietnams nur unvollkommen kaschiert.

Die Ausweitung des Operationsgebietes auf Kambodscha und auf Südlaos ändert nichts an der Tatsache, daß der Krieg erkennbar an Intensität verloren hat. Die einst staunenswerte Kampfmoral der Vietcong und der nordvietnamesischen Truppen ist beträchtlich erschüttert worden. Wohl ist noch immer vom Endsieg die Rede, doch geht es den Gegnern in Wahrheit nur darum, die beste Ausgangsstellung zu gewinnen, um am Verhandlungstisch durchzusetzen, was auf dem Schlachtfeld nicht gewonnen werden konnte. Der Krieg hat seine letzte Phase erreicht, auch wenn eine Steigerung der Kampftätigkeit nicht ausgeschlossen werden kann, vielleicht sogar zu erwarten ist.

Warten auf die Offensive

Der Fünf-Punkte-Plan des amerikanischen Präsidenten hat denn auch, wie in der kambodschanischen Hauptstadt zu hören ist, seine Wirkung auf die kommunistische Führung nicht verfehlt. Sie denunziert zwar die Vorschläge als „Trick“ und „Täuschungsmanöver“; das verschafft Zeit, die eigene Interessenlage zu definieren und eine Gegenposition zu erarbeiten. Indes fällt auf, daß die Nationale Befreiungsfront im Süden die Vorschläge Nixons in Nuancen positiver beurteilt als die Regierung in Hanoi. Das darf vielleicht als Hinweis dafür gewertet werden, daß die festgefahrenen Pariser Gespräche einen neuen Impuls erhalten werden.