Durch den Übertritt dreier FDP-Dissidenten zu den Unionsparteien treibt die Spekulation über die künftige Entwicklung der Mehrheitsverhältnisse im Bundestag derzeit üppige Blüten. Die Regierungskoalition aus SPD und FDP wird nicht müde zu versichern, nach diesem Prozeß der Selbstreinigung beim schwächeren Bündnispartner sei der Stimmenvorsprung wenn auch knapper, so doch gewisser denn je zuvor. Man kann es ihr glauben, wenn man es auch nicht weiß.

Umgekehrt prophezeit die Opposition, daß es bei den augenblicklichen Mehrheitsverhältnissen nicht bleiben werde. Sie setzt auf die fortschreitende Erosion, sei es nach den Wahlen in Bayern, wo der Bonner Regierungspartner FDP angesichts der Zehn-Prozent-Hürde vor dem Landtag allenfalls einen Achtungserfolg erringen kann, sei es in Hessen, wo unsicher ist, ob die Freien Demokraten die Barriere der fünf Prozent zu überspringen vermögen. Man kann der Opposition glauben, auch wenn man es noch nicht weiß.

Was Wunder, wenn beide Seiten augenblicklich alles auf eine Karte setzen. Gelingt der FDP in Bayern zumindest jener Achtungserfolg und in Hessen der Sprung über die Fünf-Prozent-Hürde, wird die Bonner Koalition wenigstens für einige Zeit Ruhe haben. Scheitern die Freien Demokraten dagegen, so mag zwar das Bonner Bündnis noch eine Weile bestehen bleiben; doch wäre es in den Grundfesten erschüttert.

Einige Wortführer der Opposition halten dies schon für ausgemacht. Sie zeigen hektische Eile, die Gunst der Stunde zu nutzen. Auf dem CSU-Parteitag in München haben sich Kiesinger, der sein. Erbe verteidigt, und Barzel, der sich endlich auf den entscheidenden Sprossen sieht, zusammengetan, um der Regierung das Menetekel an die Wand zu malen. Beide wissen: Wenn es nicht in den nächsten Monaten glückt die Regierung zustürzen,haben sie keine Chance mehr, die eigenen Ambitionen in die Wirklichkeit umzusetzen. Kiesingers Anhang in der CDU schwindet ohnehin, und je mehr Barzel die Partei statt der Bundestagsfraktion bemühen muß, ihn an die erste Stelle zu placieren, desto schlechter sind seine Aussichten. Die Allianz zwischen Kiesinger und Barzel beruht auf ihrer einzigen Chance: die Macht im Handstreich wiederzuerobern.

Erklärt sich daraus auch die Rolle, die Strauß spielt? Ohne Zweifel genießt er es, das Weltkind in der Mitten zu sein. Mit seiner Erklärung, er wisse schon, wen er favorisiere, aber er wolle und könne dies nicht sagen, hat er seine Rolle als Kanzlermacher innerhalb der Union unterstrichen. Straußens Strategie ist auf Verunsicherung des eigenen Lagers, also auf Verstärkung des eigenen. Gewichts, angelegt. Allianzen, wie beim CSU-Parteitag in München, zwischen Strauß, Kiesinger und Barzel sind allenfalls emotionaler und taktischer, nicht aber dauerhafter Natur. C.-C. K.