Von Fritz von Globig

Mit ihren 25 Jahren sind die Vereinten Nationen alt genug, um sich einem Staatsexamen zu unterziehen. Die Gefahr, daß ihre 126 Mitgliedstaaten die Weltorganisation durchfallen lassen und sich von ihr abwenden, besteht nicht; die United Nations werden uns erhalten bleiben. Aber mit einem summa cum laude werden sie ihr Examen nicht bestehen. Dazu bleiben ihre tatsächlichen Leistungen zu weit hinter dem Posaunenstoß der UN-Charta zurück: „Wir, die Völker der Vereinten Nationen, fest entschlossen, künftige Geschlechter vor der Geißel des Krieges zu bewahren, die zweimal zu unseren Lebzeiten unsagbares Leid über die Menschheit gebracht hat, ... Duldsamkeit zu üben und als gute Nachbarn in Frieden miteinander zu leben, unsere Kräfte zu vereinen, um den Weltfrieden und die internationale Sicherheit zu wahren ...“

Dieses Gelöbnis beschwört die Vision einer allumfassenden Solidarität der Völker herauf, eines die ganze wimmelnde Menschheit verbindenden Zusammengehörigkeitsgefühls, das über die Absonderung in den staatlichen Gehäusen ebenso triumphieren sollte wie über die Schranken von Rasse, Sprache und Kultur, über die Abstufungen des verschiedenen Entwicklungsstandes und die ideologischen Barrieren. Ein großartiges Ziel, aber hier verleitete himmelstürmender Idealismus, zu politischer Utopie. Jedenfalls in ihrem jetzigen Entwicklungsstadium ist die Menschheit einer solchen universalen Umarmung auf der Ebene der Politik nicht fähig. Sie scheint tief in der menschlichen Natur verwurzelten Gesetzen zu widersprechen.

Die Sozialpsychologen haben festgestellt, daß alle Gruppen für ihre eigene Identifizierung und Homogenität einer deutlichen Abhebung von anderen Gruppen bedürfen. Eine Abgrenzung gegenüber anderen Gruppen gehört demnach zu den Existenzbedingungen der Gruppe. So verhindert die Idee der UN als einer universalen „Gruppe“, die ja einen Widerpart ausschließt, eine starke Homogenität. Kein Wunder, daß es der Organisation in 25 Jahren nicht gelungen ist, unter ihren Mitgliedstaaten ein echtes Zusammengehörigkeitsgefühl zu schaffen. In ihren Debatten werden, meistens ganz unverfroren nationale oder ideologische Interessen vertreten, werden Redeschlachten an der Front geschlagen, die farbige und weiße, arme und reiche Völker trennt. Übergeordnete Interessen werden häufig nur zur Verbrämung eigensüchtiger Belange mißbraucht.

Der entscheidende Test ist jedoch die Frage, wie sich die UN bei ihrer Hauptaufgabe bewährt hat, nämlich als Instrument für die Friedenssicherung und Kriegsverhütung sowie als Schlichter und Friedensstifter nach bereits ausgebrochenen Feindseligkeiten. Seit ihrer Gründung – die Charta ist am 24. Oktober 1945 in Kraft getreten – hat es keinen großen Krieg, keinen Weltkrieg gegeben. Aber nicht wegen der UN, sondern wegen des Gleichgewichts des Schreckens, dem Machtgleichgewicht zwischen den beiden Supermächten, das mit Waffen einer Zerstörungskraft aufrechterhalten wird, die jeden totalen Zusammenstoß zum gemeinsamen Selbstmord werden ließe. Es hat jedoch viele örtlich begrenzte Kriege gegeben, die die UN weder verhindern noch beenden konnte. Ihre Aktionsfähigkeit ist durch innere Widersprüche beeinträchtigt worden: einerseits das Prinzip der Universalität, andererseits die Nichtanwendung dieses Grundsatzes auf China, den volkreichsten und potentiell mächtigsten Staat der Welt. Sie vermochten nicht zu verhindern, daß die Vereinigten Staaten dem kommunistischen China die Eintrittspforte versperrten. Wegen dieser kurzsichtigen Haltung Amerikas verspotten die Vereinten Nationen ihre eigene Charta, indem sie zulassen, daß bis auf den heutigen Tag Tschiang Kai-scheks kleiner chinesischer Inselstaat Taiwan einen der fünf den Großmächten vorbehaltenen, ständigen Sitze im Weltsicherheitsrat einnimmt.

Sonderrechte für die Großen

Der zweite Widerspruch liegt darin, daß das demokratische Prinzip der Stimmengleichheit aller Mitgliedstaaten relativiert wird durch die Sonderrechte, die den Großmächten in der Charta eingeräumt werden, vor allem das Veto im Sicherheitsrat. Schwerer noch als diese Ungereimtheiten wiegt die Tatsache, daß die UN als Friedensinstrument deshalb eine Fehlkonstruktion darstellt, weil sie auf das wichtigste Element jeder erfolgreichen Friedenssicherung, nämlich auf die Beschneidung der Souveränität ihrer Mitgliedstaaten zugunsten einer eigenen Exekutivgewalt, fast ganz verzichtet hat. Die Väter der Vereinten Naionen hatten das Friedensrezept ignoriert, daß der gewaltsame Austrag eines Konflikts am ehesten verhindert und die Formel zur Lösung eines Konflikts am ehesten respektiert wird, wenn, eine übergeordnete Instanz machtpolitisch und notfalls auch mit Waffen intervenieren kann.