Neun Tage lang beherrschte nicht mehr Alfons Müller-Wipperfürth, sondern eine aufgebrachte Belegschaft das italienische Hauptwerk des Hosenkönigs. Als die streitenden Parteien endlich die Wiederaufnahme der Arbeit vereinbarten, war viel Goodwill zerstört und keiner der Streitpunkte gelöst: Abgelaufen war ein Lehrstück für Italien-Investoren.

Neben hakenkreuzverschmierten Schmähschriften auf den Konzernherrn hingen in Müller-Wipperfürths Musterfabrik Ossona bei Mailand Strichlisten an den Wänden. Sie bestimmten den Besetzungsturnus für 500 Arbeiterinnen. Tag und Nacht blockierten sie die Arbeitssäle.

Obwohl Frauen die Hauptakteure waren, war dieser Streik etwas für harte Männer. Dafür sorgten schon die Kollegen von der Gewerkschaft. Deutsche Lastwagen, die Ware holen sollten, wurden blockiert, Fahrer mit ihren Fahrzeugen im Fabrikhof eingeschlossen. Den Deutschen gingen bei der Belagerung zwar nicht die Spaghetti aus, wohl aber die Hoffnung darauf, daß Italiens Polizei das deutsche Eigentum schütze.

Nach eingehender Erkundigung bei der deutschen Botschaft und dem Mailänder Generalkonsulat brach Alfons Müller-Wipperfürth das Scharmützel um die Lkw-Ladungen ab: 10 000 Anzüge wurden unter gewerkschaftlicher Aufsicht wieder ausgepackt und im Werk gestapelt. Die nicht gelieferte Ware wollte die deutsche Konzerngruppe ihrer italienischen Schwester allerdings nicht bezahlen. Und damit fehlte dem Werk Ossona das Lohngeld.

Gegen die italienische Streikfront fuhr der tapfere Schneider allerdings noch schwereres Geschütz auf. Er entzog dem Werk Ossona die deutschen Aufträge. Damit aber ging es dieser größten Italien-Tochter des Hosen-Millionärs an die Existenz. Müller-Wipperfürths Begründung: Nachdem das Werk keine pünktliche Lieferung mehr zusichern könne, müsse der Konzern die Produktion anderweitig vergeben.

Zuvor hatte die Betriebsleitung in Ossona einen letzten Kompromiß versucht. Die Arbeiterschaft sollte in der kommenden Tarifrunde der Bekleidungsbranche auf einen Streik verzichten. Dafür wollte Müller-Wipperfürth nicht nur den sozialen Vorsprung der Mitarbeiter wahren – wie 40-Stunden-Woche, übertarifliche Bezahlung, übertariflicher Urlaub und Verzicht auf Akkord –, sondern auch 27 Arbeiterinnen weiterbeschäftigen, die zunächst beurlaubt werden sollten.

Das Angebot ließ die Gewerkschaften kalt. Aus Solidarität mit den Branchenkollegen kämen Voraus-Verzichtserklärungen nicht in Frage, war das letzte Wort der Italiener. Damit lagen die Fronten fest.