Von Hellmuth Karasek

Der Schluß des ersten Teils von Goethes „Faust“ (jenes Umdrehen des gräßlichen „Gerichtet“ in ein begütigendes „Gerettet“) müßte einem weltlichen Menschen ganz schön auf die Nerven gehen. Denn dieses in Deutschland am höchsten geschätzte Drama mischt auf eine vertrackte Weise zweierlei wenig vereinbare Dinge. Einmal das christlich-mittelalterliche „Welttheater“: Gott, der da, sehr „britisch“, gerne Wetten abschließt, von denen er, sehr „unkritisch“, nach Schöpfungsplan ohnehin weiß, wie sie ausgehen werden, nämlich zu seinen weiß, sten.

Zum andern das dem Sturm und Drang und also auch Goethe sehr naheliegende, nahegehende Thema der Kindsmörderin. Ein Thema, ebenso sozial wie irdisch und mittels Gottes eigentlich nicht zu lösen. Denn vor der allgewaltigen Perspektive des Spiels um die Seele gibt es ja nur „Erlösung“. Und, was für Gretchen noch übler ist: sie wird ja nur als eine Art Hürde für den Seelen-Slalom aufgebaut, mal sehen, ob und wie Faust die schmeißt.

Vor der „kleinen“ Perspektive von Gretchens Kummer wirkt wiederum das große Gott-Teufel-Spektakel zynisch-unangebracht. Weshalb ja auch Faust mit vielen seiner Worte wie ein erhabenes Gebläse in die dumpf-enge Welt hineinfährt. Das „Faustische“, über das hierzulande seit Goethes Tagen viel gegrübelt wird (Goethe hat da, wie alte Literaturgeschichten gerne verraten, „viel hineingeheimnist“), stellt sich also auch, fällt die Deckung durch, das mittelalterliche Weltbild weg, als Übles bewirkendes Übermenschentum dar. Wenn eben Gottes Wettzuversicht nicht gilt, dann ist der dunkle Drang, der den rechten Weg weiß, eine Anmaßung, für die Leichen fallen können: sie werden ja, als Meilensteine auf dem rechten Weg, gebraucht.

Die Kassler Inszenierung von Günter Fischer, eine Mischung aus Progressivität und Stadttheater, hat den großen Vorzug, daß sie sich auf diesen Widerspruch konzentriert. Und zwar vor allem, indem sie Goethes Spiel mit Goethes Vorlage konfrontierte. In das Faust-Drama eingeschoben wurde ein „Dokumentar-Spiel“: Szenen, die auf den Protokollabschriften des Kindsmordprozesses basierten, der Goethe so bewegte. Auf dem Prozeß also, der 1771 der Frankfurter Magd Susanna Margaretha Brandt gemacht wurde, nachdem sie am 1. August 1771 ihr neugeborenes uneheliches Kind getötet hatte.

Von der Festnahme bis zur Köpfung der Delinquentin wurden die Stationen dieses Prozesses in die Faust-Handlung eingeblendet. Am Schluß, im Kerker, wurde simultan vorgeführt, wie den beiden Gretchen priesterlicher Trost auf verschiedener konfessioneller Basis zugesprochen wurde. Als der Kopf der Susanna Margaretha fiel (etwas ungeschickt theatralisch fiel), sprach der andere Priester das „Gerettet“ zu Gretchen, Das war ein zutreffender Kommentar der Tatsache, daß das große göttliche theatrum mundi in halbaufgeklärten Zeiten für juristische Fälle nur eines liefert: eine Rechtfertigung der Todesstrafe, die ja auch das vorher verstörte Seelenheil dem Sterbenden wieder appliziert.

Parallel zu der Entlarvung einer Kindsmörderin baute auf den Brettern der Bühne eine Schauspieltruppe ihre Kulissen auf. Der Faust begann als Spiel im Spiel, die ersten Auftritte des Doktors, der da eine sehr private Universitätskrise und Bildungskatastrophe erleidet, fanden ganz im Stil des vorgoetheschen Zauberspektakels statt, was dem sympathisch unkomplizierten Carsten Bodinus Gelegenheit gab, sich mehr auf pathetischen Schwung als auf durchdringende Interpretation verlassen zu können. Gewiß blieb dabei vieles auf der Strecke: man hätte beispielsweise schon gerne gewußt, ob die Aufführung sich in dem Wagner-Gespräch für Fausts hochfahrende Ungeduld oder die rührende Autoritätsgläubigkeit des Famulus entschieden hatte, so wie man andererseits ja sehr genau erfuhr, daß der Erdgeist mehr ein pyrotechnisches und weniger ein philosophisches Problem war.