Am l. Oktober 1970 kommt das Düsseldorfer Bankhaus Poensgen, Marx & Co. in einer Kundenmitteilung zu dem Schluß: „Der sich langsam entwickelnde Aufwärtstrend an der New Yorker Börse läßt die Royal-Dutch-Aktie für die mittelfristige Anlage geeignet erscheinen.“

Am 8. Oktober 1970 analysiert das Bankhaus Burkhardt & Co. in Essen: „Feste Kurse (an der holländischen Börse), die sich vornehmlich im Schlepptau einer freundlichen Verfassung an der Wall Street einstellen sollten, würden wir zu einem Abbau des Portefeuille-Bestandes an einigen der in letzter Zeit stark favorisierten (holländischen) Werte, namentlich Royal Dutch und Philips nutzen. Dem Argument der niedrigen Bewertung sollte man dabei nicht allzu großes Gewicht beimessen; denn damit preisen Analytiker auf der ganzen Welt – mit Ausnahme Englands – ihre favorisierten Aktien an. Wir glauben, daß es möglich sein wird, diese – langfristig allerdings durchaus interessanten – Werte auf niedrigerem Niveau zurückzukaufen.“

Und am 19. Oktober heißt es dann in den Frankfurter Börsenbriefen (International): „Nutzen Sie heute eine zweite Chance auf dem europäischen Ölsektor. In Holland sehe ich jetzt kurzfristig 10 bis 15 Prozent Gewinn, wenn Sie Royal Dutch kaufen... Seit Tagen gezielte Käufe aus USA. Aus den laufenden Ölbohrungen in aller Welt könnten bald positive Nachrichten eintreffen. Ende Oktober besuchen Finanzanalytiker die Verwaltung in Den Haag. Sie werden positiv gestimmt zurückkommen. Man soll für sie einige Nachrichten-Bonbons parat halten.“

Fassen wir zusammen, meine verehrten Leser: Das Bankhaus Poensgen hält die Royal-Dutch-Aktie „mittelfristig“ für interessant, Burkhardt in Essen sieht die Chancen dieses Papiers eher „langfristig“ und rät, jetzt bei steigenden Kursen zu verkaufen. Der Frankfurter Börsendienst hält „kurzfristig“ einen Kursgewinn von 10 bis 15 Prozent für möglich.

Wo liegt die Wahrheit? Schließlich können nicht alle drei Prognosen richtig sein. Lassen Sie uns deshalb zu einem eigenen Urteil kommen. Das ist gewiß nicht leicht, denn der Kurs der Royal-Dutch-Aktie unterliegt vielen Einflüssen. Er ist abhängig von den Zukunftserwartungen des zweitgrößten Unternehmens der Erdölbranche, von der Börsenentwicklung in Wall Street und von den wirtschaftlichen Verhältnissen in den Niederlanden, wo Royal Dutch seinen Sitz hat.

Kursbewegungen an der New Yorker Börse bestimmen meist den Trend der Royal-Dutch-Aktie. Sollte es also wieder zu festen Kursen an der New Yorker Börse kommen, wird auch der größte europäische Erdölkonzern davon profitieren. Nun sind in letzter Zeit wieder Zweifel an einer positiven amerikanischen Börsenentwicklung aufgetaucht, weil das Loch in der US-Zahlungsbilanz erheblich größer sein wird, als die Regierung es vorausberechnet hatte und die Gewinne zahlreicher Industrieunternehmen im dritten Quartal nicht den vielfach erwarteten Anstieg zeigten. Die Regierung in Washington hat zwar versucht, zu den Kongreßwahlen über die Zinssenkung ein besseres Konjunkturwetter zu machen. Handfeste Ergebnisse in Richtung Konjunkturbelebung sind jedoch bislang ausgeblieben.

Gleichwohl halte ich einen „kurzfristigen“ Anstieg der Royal-Dutch-Aktie für durchaus möglich – unabhängig von der Wall-Street-Tendenz, die übrigens Ölaktien in den letzten Monaten eine Sonderstellung eingeräumt hat. Der Kurs der Royal-Dutch-Aktie hat sich zwar in diesem Jahr von seinem Tiefstand (113,70) inzwischen auf etwa 155 erholt und bewegte sich praktisch auf seinem bisher höchsten Stand in diesem Jahr, aber bei einem Kurs/Gewinn-Verhältnis von annähernd 10 sagt das nicht viel.