Von Stanley Kauffmann

Am New Yorker Theater habe ich – wohl auch mit gutem Grund – viel auszusetzen. Dennoch hatte ich nun ausgerechnet in New York im letzten halben Jahr zwei der größten Theatererlebnisse meines Lebens. In beiden Fällen allerdings kann man eigentlich auch nicht von amerikanischen Theatern sprechen: ich meine die Aufführung des Polish Actors Laboratory vom letzten Winter, unter der Regie von Jerzy Grotowski, und die jüngste Inszenierung des südafrikanischen Stückeschreibers Athol Fugard, nämlich „Boesman and Lena“.

Von Fugard, einem Weißen, der in seiner Heimat als Schauspieler und Regisseur tätig ist, sind in New York vor längerer Zeit bereit: zwei Stücke herausgebracht worden, Zweipersonenstücke. Jetzt hat er ein Dreipersonenstück über Schwarze geschrieben. Boesman und Lera, ein schwarzer Mann und eine schwarze Frau vagabundieren seit Jahren auf den Straßen Südafrikas, so lange wenigstens, daß Lena ein halbes Dutzend Totgeburten hinter sich haben kann. Was sie besitzen, tragen sie auf dem Rücken, und wenn die Weißen sie vertreiben, zielen sie weiter. Eines Nachts erreichen sie die Schlammzonen des Swartkopsflusses, in der Nähe von Port Elizabeth, und bauen sich aus Abfall und herumliegenden Kisten ein Quartier. Ein sehr alter Afrikaner taucht aus der Dunkelheit auf und kommt zu ihnen ans Feuer. Lena fordert ihn trotz Boesmans Bedenken zum Bleiben auf. In derselben Nacht stirbt der alte Mann, und die beiden Tramper müssen weiter, damit sie keine Schwierigkeiten bekommen.

Wenn auch anfangs die Fülle der Ereignisse erst einmal überwältigt, so wird bei fortschreitender Handlung doch schon bald deutlich, daß dies kein Stück von der Unterdrückung der Schwarzen ist, sondern ein ausgewogenes, sehr überzeugendes Epos von der Natur des Menschen. Das straff und klar, fast klassisch gebaute Stück beschreibt erstaunlicherweise sämtliche Stationen und Stadien eines Menschenlebens: Geburt, Liebe, Angst, Isolation, Hunger, Heimat, Kinder, Tod. Die beiden Hauptfiguren werden als Archetypen erkennbar: Boesman – eingeschüchtert, ängstlich, einsam, eingeengt; Lena – tollkühn, zärtlich, leichtfertig und ungeheuer tapfer. Ein paar Passagen des Stückes mögen vielleicht allzu „literarisch“ wirken – einige Gespräche über Freiheit beispielsweise. Aber das meiste ist Literatur – dramatische Literatur von großer Qualität. Dieses außerordentlich gute Stück gehörte auf die Bretter jeder guten Bühne in aller Welt (In Südafrika wurde es bereits ven Weiben - mit schwarzem Make-up gespielt.) Die New Yorker Aufführung ist von John Berry geschickt und mit viel Einfühlungsvermögen inszeniert worden. Die amerikanische schwarze Schauspielerin Ruby Dee zeigt in der Rolle der Lena die beste schauspielerisch: Leistung, die ich seit Judith Andersons Medea vor zwanzig Jahren in unserem Theater gesehen habe. Boesman wurde ursprünglich von James Earl Jones dargestellt, der unterschiedlich aber überzeugend spielte. (Er hat inzwischen eine andere Verpflichtung.) Den alten Mann verkörperte Zakes Mokae, ein Südafrikaner. Er wirkte wie ein uralter schwarzer Engel.

Ernest Hemingways nachgelassene Erzählung „Islands in the Stream“ ist mit großem Aufwand erschienen, aber es ist ein verlegerisches, kein literarisches Ereignis. Hemingways trauriges Ende, das sich zu seinen Lebzeiten schon abzeichnete, wird hier besonders transparent: Die meisten seiner späten Arbeiten lesen sich wie Selbstparodien. In diesem Fall ist es besonders fatal, da es sich um eine unvollendete Arbeit handelt, die Hemingway offensichtlich beiseite gelegt hat. Seine Witwe und sein Verleger konnten sie dort nicht lassen.