Es gibt in Deutschland eine sympathische Institution, die „Stiftung Spazierengehen“ e. V., 6 Frankfurt 19, Postfach 190 405. Sie „verfolgt nur ideelle Zwecke“, wie ihr Vorsitzender Dr. h. c. Georg von Opel erklärt, „und sieht ihre Aufgabe darin, im Interesse der Volksgesundheit die Menschen aufzurufen, mehr, zu gehen. Die Bewegungsarmut unserer Generation ist die Ursache vieler Zivilisationskrankheiten und ein beachtlicher Teil der Frühinvalidität hängt auch hiermit zusammen.“ Die „Stiftung Spazierengehen“ erhebt keinerlei Beiträge, übt auf niemanden einen Zwang aus.

Es ist ein angenehmes Gefühl, einer uneigennützigen Institution zu begegnen, die von einem nichts weiter will, als etwas für seine Gesundheit zu tun. Und weil sie weiß, daß niemand nur so, ohne Entgelt, etwas unternimmt, deshalb wirbt sie nicht nur mit der Losung „Ein bedeutender Besitz ist die Gesundheit“, sondern auch mit einem Wettbewerb: Wer hundert Stunden im Jahr spaziert, erhält eine Anstecknadel mit einem bronzenen Schuh, für zweihundert Stunden ist der Schuh silbern, für dreihundert golden.

Dreihundert Stunden im Jahr bedeuten zwar nicht einmal eine Stunde pro Tag, immerhin aber dreihundert Stunden im Jahr. Für „time is money“-Leute ist es eine beträchtliche Summe, und die anderen, die über unverkäufliche Freizeit disponieren, spazieren sowieso. Das Argument, daß man Gesundheit nicht für Geld kaufen kann, ist zwar unwiderlegbar, es steht aber genauso fest, daß man für die Gesundheit auch kein Geld kriegt. Und wer mehr Geld hat, kann auch mehr für seine Gesundheit tun. Manche Leute können in den dreihundert Stunden Nichtspazieren das Geld für eine Abmagerungskur in einem Sanatorium verdienen.

Auf dem Prospekt der Stiftung ist eine vorbildliche, frohe, gesunde Familie abgebildet. Papi, Mami und drei Kinderlein – beim Spazierengehen im Park. Darüber steht: „Was halten Sie vom Spazierengehen?“ Also, wenn ich die Frage beantworten soll, halte ich von dieser meistverbreiteten Form des Spazierens nicht viel. Dieses traditionelle Sonntagsunternehmen gilt als familienerhaltend. Doch das ist ein schrecklicher Irrtum. Alle Familienkonflikte konzentrieren sich auf diese unselige Stunde. Vati muß-seine Wut unterdrücken, daß man ihn um den Nachmittagsschlaf, um Skatpartie, Fußballspiel, Briefmarkensammeln gebracht hat; Mutti ist noch vom Mittagkochen müde; die Kinder langweilen sich, weil sie in Sonntagskleidung und unter elterlicher Kontrolle artig sein müssen.

Es gibt jedoch Spaziergänge, die zu einer guten Ehe beitragen. Das bezeugt die Geschichte eines rüstigen achtzigjährigen Mannes, der auf die Frage, wie er sich so rüstig erhalten hatte, antwortete: „Ich habe mir bei meiner Hochzeit vorgenommen, nie mit meiner Frau zu streiten. Immer, wenn sie einen Streit anfangen wollte, bin ich spazierengegangen und erst dann nach Hause gekommen, nachdem sie sich schon beruhigt hatte. Dank dieser Entscheidung war ich fünfundfünfzig Jahre lang jeden Tag drei Stunden an der frischen Luft.“

Natürlich waren es nicht nur die frische Luft und die Bewegung, die auf diesen Mann so heilsam wirkten – er hatte noch dazu jeden Tag drei Stunden, in denen er ganz allein war! In diesem Sinne möchte ich einen der zehn Leitsätze der Stiftung Spazierengehen – „Wer, mehr vom Leben haben will, geht spazieren!“ – ergänzen: „Wer mehr vom Leben haben will, geht allein spazieren!“

Vor einer Gefahr muß ich jedoch warnen: Beim Solo-Spaziergang hat man Zeit zu denken. Spaziert man regelmäßig, kann das Denken zur Gewohnheit werden. Solch eine Gewohnheit aber ist lebensgefährlich. Man muß sich dabei nicht nur an das Schicksal mehrerer antiker Philosophen erinnern, die so lange spazierengegangen sind und gedacht haben, bis man sie hinrichtete.