Bremen

Bremen steht kopf, Wo links, rechts, oben und unten ist, weiß seit dem 17. Oktober an der Weser kaum mehr einer. Wem lange schon bange war um den Gesundheitszustand des ein Jahr lang in Sachen Baulandskandal vernehmungsunfähigen Maklers Wilhelm Lohmann, der darf nun aufatmen: „Millionenwilli“, heimgekehrt aus dem Harzsanatorium, prostete Seit an Seit mit Gewerkschaftsboß Richard Boljahn und Polizeipräsident von Bock und Pollach dem verblüfften Volk per Zeitungsphotos zu. Bürgermeister Koschnick, soeben turnusgemäß zum Bundesratspräsidenten gekürt, sprach von seelischen Entkrampfungskursen und erklärte Feiern zur Bürgerpflicht. In Bremen wurde das norddeutsche Oktoberfest, der 935. Freimarkt eröffnet. Es riecht nach Schmalz und Aal, nach Liebesäpfeln und Mandeln.

Unten im Rathaus, im historischen Keller, wurde am vergangenen Sonnabend gejauchzt und geschunkelt. Auch oben, dort wo regiert wird, gingen die Lichter nicht aus. Kein „Hereinspaziert“ für wartende Journalisten. Zwischenmeldungen kündeten: „Man arbeitet an Formulierungen“ – „Soeben wurde eine Denkpause eingelegt“ – „Man diskutiert fraktionell.“ Für das hanseatische Lieblings- und Schmerzenskind, die bremische Universität, besteht akute Lebensgefahr. Als sich zwei Stunden vor Mitternacht Bildungssenator und SPD-Landesvorsitzender Thape sowie Justizsenator und FDP-Landesvorsitzender Graf der Presse stellten, wurde dies deutlich: die starke SPD (50 Parlamentssitze) ist in die Umarmung der kleinen FDP (8 Parlamentssitze) gestolpert. In der Konsequenz kann das bedeuten, daß die Sozialdemokraten um des lieben Koalitionsfriedens willen, keine Hand mehr für das Gremium und den Mann ihres Vertrauens, den Universitätsgründungssenat und den Gründungsrektor rühren werden – wenn es nun auf Biegen und Brechen geht.

Das versteht wirklich kein Mensch mehr. In zehn qualvollen Bremer Uni-Gründungsjahren platzten drei Gründungssenate. Der vierte amtiert seit April mit dem Segen der SPD. Die FDP meldete Bedenken wegen „einseitig linker Gesinnung“ des Zwölfergremiums an und verweigerte ihr „Ja“ zur Wahl des Jungsozialisten Thomas von der Vring zum Rektor. Der Gründungssenat und die sozialdemokratische Mehrheit in der Landesregierung setzten von der Vring durch. Ein Uni-Einrichtungsgesetz gab dem Gründungsrektor und seinem Senat eine Arbeitsgrundlage. Der Eröffnungstermin der alma mater bremensis für 1971 schien gesichert. Großes Aufatmen Das Ding läuft endlich,

Aber das Ding läuft nicht. Die FDP forderte und bekam mehr Mitspracherecht bei Personalfragen. Der vom Uni-Senat nominierte Gründungskanzler, dem die Verwaltung obliegen soll, mißfällt den Freien Demokraten. Gründe: unbekannt. Einige Planer wurden eingestellt, andere abgelehnt. Ablehnungsgründe unter anderem: Apo-Zugehörigkeit, Mitarbeit in „roten Zellen“ und im Republikanischen Club. Von der Vring und die Uni-Gründer empörten sich: „Gesinnungsschnüffeleien“. Sie forderten die sofortige Ernennung des Kanzlers und ihrer Planer.

Doch offensichtlich verschreckt durch die so leise wie zähe Drohung der FDP mit einem Koalitionsbruch, beruft sich der Senat seither auf seine verfassungspolitische Verantwortung und deklamiert Sorgen wegen einer „politisch einseitigen Universitätspersonalpolitik“. Fragen, was in fünf Wochen offizieller Amtszeit von der Vrings denn nun eigentlich passiert sei, um den jähen Vertrauensschwund der Regierungsmehrheit ihrem Mann und dessen Mannen gegenüber zu rechtfertigen, blieben unbeantwortet.

Die Situation scheint total verfahren. Das Kind „Bremer Reformuniyersität“ liegt in den letzten Zügen. Die SPD hat Angst vor ihrer eigenen Courage bekommen. Bei der ersten Zerreißprobe in Sachen Universität ist sie vor dem Mini-Koalitionspartner in die Knie gegangen. Gegen Wände von Mißtrauen und Vorbehalten kann von der Vring und der gestern noch mit Vertrauen ausgestattete Gründungssenat heute keine Universität mehr gründen.