Ostberlin

Zwei Jungen stehen vor Gericht.’ Peter und Helmut, beide fünfzehn Jahre alt. Sie haben Mopeds beschädigt, Verkehrsschilder zerstört und – angetrunken – an der Autobahn mit Steinen nach vorbeifahrenden Fahrzeugen geworfen. Autos wurden zerbeult, Auffahrunfälle nur mühsam verhindert, und in einem Fall flog ein faustgroßer Stein, nachdem er die Windschutzscheibe durchschlagen hatte, nur knapp am Kopf des Fahrers vorbei. Getroffen wurden 14 Lastkraftwagen, der Sachschaden beträgt etwa 4000 Mark.

Das geschah Anfang September bei Michendorf, der letzten Tankstelle an der Autobahn Helmstedt–Berlin. Zu urteilen hatte darüber das Kreisgericht Potsdam-Land, und da der Vorfall "unsere ganze Gesellschaft angeht", war er dem DDR-Fernsehen eine Reportage wert, mit Aufnahmen aus dem Gerichtssaal, aus der Schule und mit Interviews der angeblich indirekt Verantwortlichen.

Bei einer Aussprache in der Schule legen die Klassenkameraden ein gutes Wort für die Angeklagten ein. "Na ja – Peter ist sonst auch – na ja – er ist sonst kein schlechter Mensch", sagt ein Schüler. "Also er war auch kein Außenseiter", meint ein zweiter. "Und also er war immer ganz prima, und wenn du gesagt hast, hilfste mir mal, Fahrrad ist kaputt, hat er immer geholfen, ja, und das würd’ er heute auch noch machen", sagt ein anderer. Ein vierter Mitschüler: "Aber so, wenn ich ihn nachmittags so gesehen habe, dann war er immer mit Helmut zusammen, und sind sie immer so durchs Dorf gegangen ohne Ziel."

Im Gerichtssaal wird die Mitverantwortung der Eltern hervorgehoben. Einer der Jungen sagt, seine Freizeit sei "direkt nicht" kontrolliert worden. Der Vorsitzende: "Sie sind hier Vater, und worin sehen Sie denn die besonderen Erziehungslücken, die sich hier nun dargetan haben? Und daß Erziehungslücken vorhanden waren, glaube ich, hat doch die Hauptverhandlung eindeutig bewiesen."

Der Vater: "Also eins habe ich eingeräumt schon während der Vernehmung bei der Volkspolizei, daß ich vielleicht als Vorbild nicht immer positiv auf ihn eingewirkt hätte, das räume ich ein."

Vorsitzender: "Sehen Sie mal, wir haben doch keine guten Eindrücke im Elternhaus hinsichtlich des Alkoholtrinkens, nicht? Wir erleben doch auch, daß öfters mal Streitigkeiten im Elternhaus vorhanden sind, beziehungsweise ausgetragen werden, weil der Vater Alkohol trinkt." Kleinlaut gibt dies der Vater zu.