Von Johannes Schulz

Hat die Bildungspolitik in der Bundesrepublik mit der Misere unseres Gesundheits-, Verkehrs- und Forschungswesens zu tun? Für die „Neue Linke“ ist der Zusammenhang klar: Diese für die gesamte Gesellschaft wichtigen Bereiche werden vernachlässigt, weil die Politiker nur an gewinnbringenden Investitionen orientiert sind – solche „Verlustgeschäfte“ wie der Aufbau des Bildungswesens werden gar nicht erst getätigt. Reformvorschläge seien des öfteren auf den Personal- und Ausbildungsbedarf der privaten Wirtschaft ausgerichtet und dienten damit vor allem den Interessen der Unternehmer.

Diese – hier sehr verkürzt wiedergegebene Argumentation – gibt auch den Hintergrund für die bildungssoziologische Studie

Martin Baethge: „Ausbildung und Herrschaft. Unternehmerinteressen in der Bildungspolitik“; Studienreihe des Soziologischen Forschungsinstituts Göttingen SOFI; Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt 1970; 390 Seiten, 15,– DM.

Baethge analysiert die kulturpolitischen Einrichtungen und bildungspolitischen Veröffentlichungen der unternehmerischen Spitzenverbände (Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände, Bundesverband der Deutschen Industrie, Deutscher Industrie- und Handelstag). In einem historischen Überblick kommt er zu dem Ergebnis, daß die Unternehmerverbände seit 1945 immer intensiver und systematischer auf dem Bildungssektor tätig geworden sind. Ihre Bildungspolitik sei im wesentlichen auf drei Ziele ausgerichtet:

1. das „duale System“ von getrennter Ausbildung in Schule und Betrieb beizubehalten,

2. über die Lehrpläne für politische Bildung und Sozialkunde an Gymnasien und Hochschulen mitzubestimmen, und