Von Kilian Gassner

München

Der Heilbronner Industrielle (elektronische Erzeugnisse) Ulrich Tuchel, 66, sagt von sich, er sei Kunstliebhaber, wenngleich „ich nicht viel verstehe. Aber ich habe eine besondere Vorliebe für die Werke alter Meister“. Andererseits dachte Herr Tuchel („meine Steuersituation ist völlig in Ordnung“), wegen seines angegriffenen Gesundheitszustands auch an eine Kapitalanlage.

Es mußte ihm wie eine glückliche Fügung erscheinen, als sich da im Sommer 1965 zwei Herren namens Groß und Wintner bei ihm einfanden. Letzterer wies sich als „Bevollmächtigter der berühmten Familie Esterhazy“ aus, die leider gezwungen sei, einen Teil ihrer vor der Flucht nach Deutschland unter größten Schwierigkeiten geretteten Kunstschätze an Liebhaber zu verkaufen. Wintner öffnete verstaubte Schatullen, und in einer war ein besonders schönes Stück, das noch bis vor kurzem von der Großmutter des jetzigen Besitzers getragen worden sei, ein Brillantcollier mit Smaragdanhängern.

Nachdem es ihm für drei Tage zur Ansicht überlassen worden war, entschloß sich der Industrielle Tuchel, das Stück für 350 000 Mark zu kaufen. Der Juwelier, dem Tuchel es danach zeigte, bewertete es freilich nur mit 250 000 Mark (und laut einer späteren Schätzung soll es sogar nur 144 000 Mark wert sein).

Doch die Verkäufer konnten in den Augen des Kapitalanlegers keine ausgekochten Gauner sein. Denn nach Tucheis Vorhaltungen brachten sie beim nächsten Besuch einen leibhaftigen Grafen Esterhazy mit, der sich durch seinen Paß auswies und so überzeugend wirkte, daß es dem Fabrikanten, wie er sagt, „fast peinlich war, auf die Wertdifferenz von 100 000 Mark hinzuweisen“. Der Name Esterhazy wirkte auf den Wirtschaftswunderbürger derart, daß er sich auch noch für acht Gemälde, einen chinesischen Seidenteppich und einen Gobelin, die ihm der Graf anbot, so intensiv interessierte, bis er sie zum pauschalen „Vorzugspreis“ von 300 000 Mark auch noch erwarb. Tuchel: „Der Graf hat das so deutlich geschildert, wie er als Kind die Bilder hängen sah, wenn er die Freitreppe des alten Fürstenschlosses herunterging, daß ich schließlich keinen Zweifel mehr daran hatte, daß sie tatsächlich aus dem Besitz seiner Familie stammten.“

Geza Graf von Esterhazy, 44, hat immer ein freundliches Lächeln bereit, so auch, als Ulrich Tuchel diese Vertrauensbekundung als Zeuge vor der 3. Großen Strafkammer beim Landgericht München gibt. Im Sitzungssaal 219 des Justizpalasts rollt – auf die Dauer von sechs Wochen angesetzt – ein Prozeß ab, dessen Anklageschrift „über weite Strecken wie das Treatment einer Gauner-Komödie“ (Süddeutsche Zeitung) erscheint. Dem Gerichtsbesucher wird jedenfalls ein amüsanter Einblick in wirtschaftswunderlichen Handel geboten.