Seit dem 30. April waren die Schalter der neunhundert irischen Banken geschlossen. Nach ihrem fünf Monate dauernden Streik haben die Beamten nun die Arbeit zwar aufgenommen; mit dem Publikum werden sie aber erst ab Mitte November wieder verkehren können, wenn all die aufgestaute Arbeit erledigt ist: darunter rund 10 Millionen bei den als „Ersatzbanken“ tätig gewesenen Kneipen und Warenhäusern als „Ersatzbanken“ eingelöste Schecks!

Die bankenlose Zeit war jedoch für die Republikwirtschaft zu kurz – jedenfalls wenn man der Argumentation eines durch den Ausstand zum Hobby-Gärtner gewordenen Bankmanagers folgen will: „Das beste Mittel im Kampf gegen die Inflation und für die Gesundung unserer Zahlungsbilanz“, prophezeite er. Der Geldmangel bremse die Drehung der Lohn-Preis-Spirale, und die ausländischen Handelspartner würden gegen uneinlösbare Schecks kaum mehr Waren liefern.

Doch die streikbedingte „restriktive Kreditpolitik“ griff nicht. Zu Beginn der neuen Session wird im Gegenteil nun der Dáil, das Dubliner Parlament, ein „Notpaket“ verabschieden müssen, weil die Republik in einen „nationalen Notstand“ schliddert. Die Lohninflation hat nämlich mit der Forderung der Elektriker nach einer hundertprozentigen Aufbesserung derartige Ausmaße erreicht, daß nur noch die dicksten Knüppel aus der wirtschaftspolitischen Rumpelkammer, wirksam scheinen. Für George Colley jedenfalls, den neuen Finanzminister in der Fianna-Fáil-Regierung, sind Lohn- und Preisnormen noch das allerletzte Mittel, die Republik für einen eventuellen EWG-Beitritt zu rüsten. Da die Arbeitgeber/Arbeitnehmer-Konferenz, eine Art „konzertierte Aktion“, wiederholt gescheitert sei, verfüge eben die Regierung, daß Löhne und Gehälter bis Ende 1971 noch höchstens um sechs Prozent steigen dürften, daß der Staat eine strenge Preiskontrolle ausübe und daß Mieten und Dividenden auf dem heutigen Stand „einzufrieren“ seien.

Ein Dubliner Rezept also, das den Stempel „Schatzamt London“ tragen könnte. Irland ist ja auch von der „englischen Krankheit“ befallen: seit 1968 stiegen die Nominallöhne um 25, die Produktivität jedoch nur um 3 Prozent. Doppelt so schnell wie beim keineswegs vorbildlichen Freihandelspartner Großbritannien kletterten die Stückkosten, um 7,5 Prozent allein im letzten Jahr die Verbraucherpreise. Und nur ein massiver Kapitalzustrom für Neuinvestitionen konnte das Außenhandelsdefizit von 219 Millionen Pfund ausgleichen. Wie beim großen Nachbarn wollte eine freiwillige Einkommenspolitik nicht gelingen, weil ebenso viele Gewerkschaften ebenso streikfreudig sind wie ihre Kollegen jenseits der Irischen See. Die Eskalation der Lohnforderungen mit dem „Weltrekord“ der Elektriker und der durch die Unruhen in Nordirland verursachte Rückschlag im Touristensektor konnten den Ernst der Lage nur noch verdeutlichen. „Angesichts dieser südamerikanischen Maßstäbe’ kann der Frost über Irland nur dadurch überraschen, daß er so spät kommt“, meint beispielsweise die Londoner Financial Times.

Ihren kühnen „Sprung nach vorn“ hat die Republik damit jedoch zweifellos abgestoppt. Das deflationäre „Notpaket“ wird das Wirtschaftswachstum von durchschnittlich 4 Prozent verlangsamen, Arbeitslosigkeit und damit die Auswanderungszahlen werden wieder steigen. Dabei war es Dublin seit der Aufgabe seiner protektionistischen Handelspolitik im Jahre 1958 gelungen, die Bedeutung seiner Landwirtschaft massiv abzubauen – mit heute „nur“ noch rund 30 Prozent aller Beschäftigten – und über 350 ausländische Unternehmen anzulocken. Amerikaner und Deutsche allein investierten seither über 50 Millionen Pfund und halfen so entscheidend mit, auf der Grünen Insel 44 000 neue Arbeitsplätze zu schaffen.

Doch dann kam die „Einkommensneurose“, wie Garrett Fitzgerald, Wirtschaftssprecher der Oppositionspartei Fine Gael, die weitere Entwicklung kritisiert. Die Gewerkschaften erstreikten sich phantastische Lohnerhöhungen, und im Frühlingshaushalt goß der damalige Finanzminister Charles Haughey mit einer Senkung der direkten Steuern noch Öl ins Inflationsfeuer.

Zurück bleiben nun die Scherben. In den Banken werden die gedeckten (und ungedeckten) Schecks durch die Angestellten gebündelt, die nicht wie ihre 2000 Kollegen während des Streiks ausgewandert sind. Mit dem „Frost“ will Finanzminister Colley reparieren, was sein Vorgänger in der vorher so vielversprechenden Wirtschaft alles zerschlagen hat. Der aber, Charles Haughey, stand in all den Wochen wegen Waffenschiebereien vor einem Dubliner Gericht.

Franz C. Widmer