Von Wanda Bronska-Pampuch

Der Autor sitzt seit einem halben Jahr im Gefängnis und soll – wie es heißt – im November in Swerdlowsk vor Gericht gestellt werden. Den Vorwand für die Verhaftung und den Prozeß lieferte das Erscheinen der Bücher Andrej Amalriks im Ausland, im Grunde aber schon die Tatsache, daß er sie überhaupt verfaßt hat. Die Anklage stützt sich auf Paragraph 70 des sowjetischen Strafgesetzbuches, der für „das Herstellen, die Verbreitung oder Aufbewahrung von Literaturerzeugnissen mit verleumderischem Inhalt“ hohe Gefängnisstrafen vorsieht. Als „verleumderisch“ gegenüber der Sowjetunion kann dabei jede Kritik an der staatlichen Ordnung aufgefaßt werden – eine Auffassung, die nicht nur verfassungswidrig ist (die Sowjetverfassung garantiert jedem Bürger die Freiheit des Wortes), sondern auch entwicklungshemmend, wie junge Sowjetintellektuelle immer wieder feststellen.

Die Art der Gesetzanwendung in seiner Heimat dient Andrej Amalrik in seinem Essay „Kann die Sowjetunion das Jahr 1984 erleben?“ als eines der Beweisstücke für seine These von der „Vergreisung“ des Sowjetregimes. Gewiß habe man in der Sowjetunion in den letzten fünfzehn Jahren eine Angleichung an die internationalen Rechtsnormen gesucht und auch einiges auf diesem Gebiet erreicht. Der Sowjetbürger fühle sich sicherer und verfüge über mehr persönliche Freiheit als früher. Aber es gebe einige Gesetze (darunter diesen Paragraphen 70), die völlig willkürlich gehandhabt werden könnten – eine echte Rechtssicherheit sei im Lande nicht erreicht worden und könne auch nicht erreicht werden. Dem Bedürfnis der Mittelschichten in der Sowjetgesellschaft (und in zunehmendem Maße auch anderer Bevölkerungsgruppen) nach dieser Rechtssicherheit stehe die panische Furcht des Regimes vor jeder Veränderung gegenüber.

„Das Regime will weder ‚den Stalinismus restaurieren noch ‚die Vertreter der Intelligenz verfolgen‘ noch denen „brüderliche Hilfe leisten’, die überhaupt nicht darum bitten“ – schreibt Amalrik. „Es will lediglich, daß alles beim alten bleibt.“

Die ungeschriebene Devise laute: „Rührt uns nicht an, dann rühren wir euch nicht an!“ Daher sei es im Lande zu einer unglaublichen Passivität gekommen. Die Liberalisierung sei nicht aus Böswilligkeit gestoppt worden, den ersten Schritten hätten ohnehin keine weiteren folgen können, die Hoffnungen auf eine Demokratisierung des Systems seien von Anfang an utopisch gewesen. „Weil die ersten zehn Jahre gut waren, werden die weiteren zehn Jahre nicht besser“, meint Amalrik, der das Regime in seinem Lande für nichtentwicklungsfähig hält. Die Liberalisierung ist in seinen Augen ein Zeichen der Schwäche und nicht der Stärke des Regimes – eine Abnutzungserscheinung, mehr nicht. Die logische Folge der Altersschwäche aber wäre der Tod des Systems, auf den dann die Anarchie folgen würde.

Der junge Moskauer Historiker formuliert seine Überlegungen knapp und zurückhaltend, aber unzweideutig. Eine friedliche und schmerzlose Umwandlung der Sowjetgesellschaft, wie sie die Mittelklasse anstrebt, hält er für praktisch unmöglich. Die Chancen der „Demokratischen Bewegung“, deren Zielen er gewogen ist, erscheinen ihm problematisch, und die Möglichkeiten der Arbeiter und Bauern (der „niederen Schicht“), bezeichnet er als destruktiv. So scheint ihm die Entwicklung in der Sowjetunion auf eine Katastrophe hinzusteuern, angesichts derer die Schrecken der russischen Revolutionen von 1905/07 und 1917/20 der Nachwelt idyllisch vorkommen werden.

Zu Beginn seiner 1969 geschriebenen Arbeit vermutet Amalrik, er werde bei den westlichen Sowjetologen wahrscheinlich ein ebensolches Interesse hervorrufen wie „bei den Ichthyologen ein plötzlich sprechender Fisch“. In der Tat ist Amalrik mit seinem Büchlein ein Überraschungseffekt gelungen. Verblüfft hat weniger die Tatsache, daß ein junger Sowjetintellektueller sein Gesellschaftssystem analysiert, und nicht einmal die phantastische Zukunftsvision im zweiten Teil der Arbeit (in dem vom Zerfall des sowjetischen Imperiums als Folge kriegerischer Auseinandersetzungen mit China die Rede ist) –, was an Amalrik verblüfft – und auch unter seinen politischen Freunden in der Sowjetunion Widerspruch hervorrief –, ist die negative Einstellung des Autors zum eigenen Volk. Das russische Volk, das keine Tradition der Freiheit besitzt, setzt – will man Amalrik glauben – das Wort „Freiheit“ mit „Unordnung“ gleich. Gerechtigkeit bedeutet ihm nichts weiter als eine starke Herrschaft; es habe weder Religion noch Moral, und die Idee der Selbstverwaltung und Rechtsordnung sei ihm unzugänglich. Es spreche zwar viel von dem Recht auf Gerechtigkeit, aber dieser Gerechtigkeitssinn schlägt sich in Wirklichkeit nur in dem Wunsch nieder, daß es „keinem bessergehen soll als mir“.