Von Borries Gallasch und Urs F. Kluyver

Santiago, im Oktober

Noch immer steht ein bebrilltes Männchen, etwa 50 Jahre alt, an der Ecke Huerfanos-Morande im Zentrum Santiagos. Seit Tagen schreit er seine Angst in die Welt. Er beklagt das bevorstehende Ende der chilenischen Demokratie.

Seit Donnerstag vergangener Woche steht Santiago unter Ausnahmerecht. Am Morgen desselben Tages war auf General René Schneider Cherau, den Oberkommandierenden des Heeres, in der Nähe seines Hauses ein Attentat verübt worden – das erste politische Attentat in Chile seit 1837. Am Sonntagmorgen erlag der General, ein völlig unpolitischer Berufssoldat, seinen Verletzungen. Von Mitternacht bis sechs Uhr morgens herrscht Ausgangssperre. Jeeps patrouillieren durch die Stadt.

Am Sonnabend bestätigte der Kongreß das Ergebnis der Präsidentschaftswahl vom September (36,3 Prozent für den Sozialisten Allende, 34,9 für den Konservativen Allessandri und 27,8 für den Christlichen Demokraten Tomic). Während die Senatoren und Deputierten in aller Ruhe ihre Stimme für den Sozialisten Allende abgaben, war das Regierungsviertel von starken Polizeieinheiten abgeriegelt. Angst in Chile? Angst vor Salvador Allende, dem Freund Castros, dem überzeugten Marxisten?

In der Tat, ein großer Teil des Volkes hat Angst. Es versteht Allendes Wort vom „neuen Chile“ nicht als Versprechen, sondern als Drohung. Der Präsident und sein Pressebüro sind nicht/ganz schuldlos daran. Noch immer klingen den Chilenen die kompromißlosen Wahlkampftöne der „Unidad Popular“ im Ohr. Da war viel vom Volkseigentum, von Verstaatlichungen, vom Kapitalismus die Rede, von Ausbeutern innere und außerhalb des Landes. Andersdenkende wurden bedroht: „Wir werden siegen, und dann...“

Dann hatten sie gesiegt. Niemand war überraschter als sie selbst. Im Siegestaumel fand nur eine der sechs in Allendes „Unidad Popular“ vereinigten Parteien die Fassung schnell wieder: Die Kommunisten feierten ihren Sieg, der gar nicht ihrer war, sondern der Allendes, des Parteiführers der Sozialisten. Kein Wunder, daß sich nach seinem Wahlerfolg in den Vereinigten Staaten und in den von Militärdiktaturen regierten Ländern Südamerikas blanke Hysterie verbreitete.